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Flüchtlinge in der Türkei : Die Macht des Schleusenwärters

Weiter nach Westen: nahe dem türkischen Grenzort Edirne Bild: AFP

In der Türkei sind mehr Flüchtlinge als in allen europäischen Ländern zusammen untergebracht. Lange hat Ankara versucht, Syrer an der Flucht nach Europa zu hindern. Nun demonstriert Erdogan seine Macht – und öffnet alle Tore.

          6 Min.

          Zwei Szenen aus der Türkei dieser Tage: Die erste spielt in einer Moschee in Basmane, einem Stadtteil der türkischen Ägäis-Metropole Izmir, in dem viele Syrer auf dem Weg nach Europa einen Halt einlegen, um mit Schleppern Kontakt aufzunehmen und Einzelheiten ihrer Überfahrt auf eine griechische Ägäis-Insel auszuhandeln. In Basmane, so berichteten türkische Medien unlängst, habe ein Imam syrischen Flüchtlingen den Zugang zu einer Moschee verweigert, nachdem sich Anwohner beschwert hätten. Weil sie kein Geld für ein Hotel hatten oder alle Herbergen in der Umgebung schon belegt waren, hätten die Flüchtlinge sich tagelang auf dem Gelände der Moschee aufgehalten, dort geschlafen, sich gewaschen und gegessen. Das sei den Gläubigen irgendwann zu viel geworden, weil sie nicht mehr in Ruhe beten konnten.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Szene II: Beypazari, eine Gemeinde der Provinz Ankara. Seit vielen Jahren waren kurdische Saisonarbeiter aus dem bitterarmen Südosten des Landes zur Erntezeit als Saisonarbeiter hierhergekommen, doch in diesem Sommer ist alles anders: Nachdem sie von gewalttätigen türkischen Nationalisten angegriffen worden seien, hätten die kurdischen Erntehelfer die Gegend verlassen, wurden Bauern aus der Gegend zitiert. Sie bangten, dass ihre Ernte auf den Feldern verrotte. Die einzige Hoffnung ruhe auf syrischen Flüchtlingen, die man zur Feldarbeit heranziehen wolle, hieß es. Meldungen dieser Art häufen sich in den türkischen Medien. Es sind Berichte über Spannungen zwischen Arabern und Türken, über die wachsende Unzufriedenheit vieler syrischer Flüchtlinge mit ihrer Lage in der Türkei und darüber, wie die Menschen aus Syrien und dem Irak das soziale und wirtschaftliche Gefüge des Landes in einigen Gegenden verändern.

          Parlamentswahlen stehen im November an

          Wie könnte es auch anders sein: Die Türkei (75 Millionen Einwohner) hat in den vergangenen Jahren mehr Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen als alle Länder der EU (eine halbe Milliarde Einwohner) zusammengenommen. Viele sind in soliden Zeltstädten untergekommen, die der türkische Staat mit hohem Aufwand errichtet hat und unterhält. Andere leben seit Jahren in türkischen Städten – die wohlhabenden in Wohnungen oder Hotels, andere auf der Straße, etwa auf dem Taksim-Platz in Istanbul, wo bettelnde Syrer schon seit Jahren zum Straßenbild gehören.

          Viele Syrer hofften bis vor kurzem darauf, dass die türkische Regierung ihre Ankündigung wahr macht, den türkischen Arbeitsmarkt offiziell für Flüchtlinge zu öffnen. Doch davor ist die Regierung zurückgeschreckt, denn im November stehen in der Türkei Parlamentswahlen an, die zweiten dieses Jahres. Da wollen der amtierende Regierungschef Ahmet Davutoglu, der schon seit Juni keine Mehrheit im Parlament mehr hat, sowie der mächtige Staatspräsident Tayyip Erdogan keinesfalls durch unpopuläre Maßnahmen ihre Erfolgsaussichten schmälern, zumal die türkische Wirtschaft ohnehin nur noch langsam wächst.

          Die Türkei hat in Not Geratenen aus dem Nahen Osten großzügig ihre Türen geöffnet, doch der Ton zwischen Einheimischen und Flüchtlingen wird kühler – zumal seit immer mehr Türken klarwird, dass ihre „Gäste“ eben keine Gäste sind, sondern bleiben werden, wenn sie nicht nach Europa weiterziehen. Die Türkei, die schon seit 2011 große Flüchtlingswellen aus Syrien und später aus dem Irak aufnahm, hat in der Flüchtlingsfrage gewissermaßen mehrere Jahre Erfahrungsvorsprung. Wer wissen will, welche Entwicklungen auf Deutschland zukommen, kann das anhand von türkischen Beispielen studieren. Dabei wird deutlich: Hunderttausende Menschen binnen kürzester Zeit in Zeltstädten und Turnhallen unterzubringen mag eine kaum genug zu lobende logistische und bürokratische Meisterleistung sein – aber es ist dennoch die einfachste Aufgabe angesichts der Herausforderungen, die noch folgen werden.

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