https://www.faz.net/-gpf-88339

Flüchtlinge in der Türkei : Die Macht des Schleusenwärters

„Wir haben Diplome, aber hier in der Türkei ist nichts für uns“

Für sein Land hat der auf Migrationsgeschichte spezialisierte Politikwissenschaftler Ayhan Kaya von der Bilgi Universität in Istanbul eine „Flucht aus der Türkei“ festgestellt. Der starke Anstieg der Zahl an syrischen Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchten, habe auch mit der sich verschlechternden Atmosphäre in der Türkei zu tun. Zwar habe die Türkei in den vergangenen Jahren viel getan, „aber wenn ich das Bild im öffentlichen Raum betrachte, sehe ich all diesen Hass, Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Bezug auf die Flüchtlinge“, sagte Kaya unlängst in einem Zeitungsinterview. Er konstatierte eine Korrelation zwischen der wirtschaftlich zunehmend schwierigen Lage in der Türkei samt den damit einhergehenden sozialen Spannungen und der wachsenden Zahl an Syrern, die nun nach Europa wollten.

Kaya erwähnt gewaltsame Übergriffe gegen Flüchtlinge in mehreren Städten, die Ausnutzung der rechtlich unklaren Lage vieler Syrer durch Arbeitgeber auf dem Schwarzmarkt, die xenophoben Kampagnen einiger Oppositionsparteien vor der Parlamentswahl im Juni und hasserfüllte Kommentare in „sozialen Medien“ als wichtige abstoßende Faktoren (push-factors), die Flüchtlinge dazu bewegten, der Türkei den Rücken zu kehren. Vor allem jüngere Flüchtlinge fühlten sich „nicht willkommen“. Türkische Reporter, die Flüchtlinge befragten, fanden genau das bestätigt. Ein 25 Jahre alter Mann aus Aleppo sagte: „Wir haben Diplome, wir sind gebildet, aber hier in der Türkei ist nichts für uns.“ Ein Mann in einer Gruppe, die über den Landweg bei Edirne nach Griechenland zu gelangen versuchte, gab an: „Wir wollen einfach nur nach Europa. Dies ist unsere letzte Chance vor dem Winter.“

Eine 32 Jahre alte ehemalige Bankangestellte aus Syrien, in der Türkei seit 2012, die in all den Jahren weder eine Arbeitserlaubnis noch eine Krankenversicherung erhalten konnte: „Ich habe das Gefühl, als sage man mir (in der Türkei): ,Geh, warum bist du noch hier?‘. Jetzt ist bald Winter und die Wellen werden zu hoch und zu gefährlich sein (...). Aber im nächsten Jahr werde ich auf jeden Fall gehen. Ich bleibe nicht länger hier.“ Die Flüchtlinge seien in der Türkei einer sich verschlechternden wirtschaftlichen und sozialen Lage ausgesetzt, „was dazu beiträgt, Europa wie ein Paradies aussehen zu lassen“, kommentiert der türkische Migrationsforscher Metin Corabatir.

Joost Lagendijk, ein seit Jahren in Istanbul lebender ehemaliger Europaabgeordneter der niederländischen Grünen, schrieb unlängst in seiner vielbeachteten Kolumne in der Zeitung „Zaman“, die Türkei müsse sich eine unbequeme Frage stellen: Warum versuchen Hunderttausende Syrer selbst unter Lebensgefahr aus der Türkei in die EU zu gelangen, wo doch laut offizieller türkischer Lesart die Türkei das Paradies und Europa eine islamophobe Hölle ist? „Die Antwort ist einfach: Für syrische Flüchtlinge ist die Türkei nicht der Himmel und Europa nicht die Hölle.“ Zwar habe die Türkei seit 2011 großzügige Soforthilfe geleistet, doch brauche das Land nun dringend eine langfristige Lösung zur Integration. Daran hapere es, da Ankara nicht gewillt scheine, die „unangenehme Wirklichkeit“ zu akzeptieren, dass die Flüchtlinge auf absehbare Zeit nicht wieder gehen werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Immer mehr, immer größer, immer schneller: Autos auf den Straßen von Berlin.

Wandel der Mobilität : Augen auf vorm Autokauf!

Ob Auto, Bahn oder Fahrrad – Mobilität ist individuell und abhängig von Bedürfnissen und Lebensumständen. Doch jeder sollte bereit sein, sich zu hinterfragen.

Größte Computerspiele-Messe : Das sind die Kracher der Gamescom

In Köln läuft noch bis heute ein kunterbuntes Festival – die Gamescom: Was ist dort neu? Welche Bedeutung spielt die Cloud? Und: Warum begeistern dystopische Spiele und Außenseiterrollen die Gamer? Das und mehr im neuen Digitec-Podcast.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.