https://www.faz.net/-gpf-894bk

Syrische Flüchtlinge : Sie wollen nicht mehr kämpfen

Auf dem Weg nach Deutschland: syrische Flüchtlinge in Serbien Bild: AP

Die jungen syrischen Männer, die nach Deutschland kommen, fliehen vor Gewalt und Blutvergießen. Sie sind ein großer Protestmarsch gegen den Wahnsinn, der sich seit Jahren in Syrien vollzieht. Und eine Friedensreserve für den Tag X. Ein Kommentar

          In diesem Jahr sind mehr als 200.000 Syrer nach Deutschland gekommen. Es sind zu achtzig Prozent junge Männer, zwischen 18 und 30 Jahren. Junge Männer, das bedeutet körperliche Stärke und Vitalität, Energie und Tatendrang, heißes Blut, Ungeduld. Junge Männer neigen dazu, Konflikte mit Gewalt auszutragen. Sie sind die größte Problemgruppe der Welt. Wenn viele auf engem Raum zusammenkommen, wird es besonders schlimm. Das kennt jeder aus dem Alltag. Jetzt hören wir von Schlägereien in Flüchtlingsheimen aus nichtigem Anlass. Klar, zu viel Testosteron. Und deswegen machen uns junge Männer Angst. Erst recht, wenn sie aus einem Land kommen, wo seit Jahren ein brutaler Krieg herrscht.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Junge Männer sind dafür vorgesehen, zu kämpfen. Sie stellen die Soldaten aller Armeen der Welt und das Fußvolk jeder Terrororganisation. Ihre Kraft und Aggressivität wird gebraucht, sie wird durch Disziplin gebündelt. Junge Männer sind zum Töten vorgesehen. Ohne sie kann kein Krieg geführt werden. Sie sind der besungene „Universal Soldier“, der universelle Soldat, der überall auf der Welt gebraucht wird.

          Die jungen Syrer, die nach Deutschland fliehen, wollen nicht kämpfen. Sie laufen dem Diktator Assad davon, der sein eigenes Volk mit Fassbomben und Chemiewaffen massakriert, wahllos ganze Stadtteile auslöschen lässt. Sie laufen auch dem „Islamischen Staat“ davon, der ein Schreckensregime errichtet hat, Menschen versklavt und Gegner grausam hinrichtet. Und vor der Nusra-Front und anderen Gruppen, von denen die meisten den Namen moderat nicht verdienen. Sie fliehen vor Gewalt, den Spitzelsystemen, der Zwangsrekrutierung der einen wie der anderen. Viele haben nie gekämpft. Andere haben es getan, aber wollen nun nicht mehr. Sie sehen keinen Sinn in einem Krieg, der ein Land verwüstet hat und in dem es keinen Sieger geben wird. Sie wollen ihr junges Leben nicht opfern für dieses sinnlose Blutvergießen. Sie gehen, weil es das Sinnvollste ist, was sie tun können. Sie sind eine wandernde Friedensbewegung, ein großer Protestmarsch gegen den Wahnsinn, der sich seit Jahren in Syrien vollzieht.

          Es sind mehrheitlich Muslime, die aus Syrien kommen. Sie wollen nicht für den angeblich wahren Islam kämpfen, kein Kalifat errichten, keinen Kreuzzug führen. Stattdessen fliehen sie zu uns, den Ungläubigen. Denn sie wissen, dass sie hier in Sicherheit sind und ihren Glauben leben können, wie sie es wollen. Welche Schmach für die Herren des „Islamischen Staats“.

          Die meisten jungen Syrer, die nach Deutschland gekommen sind, haben erst in diesem Jahr ihre Heimat verlassen. Nur jeder Zehnte sagt, dass er dauerhaft in Deutschland bleiben will. Die anderen wollen in ihre Heimat zurückkehren. Wann das möglich sein wird, ist ungewiss. Viele werden wohl doch in Deutschland bleiben, wenn sie sich hier hoffentlich gut und möglichst rasch integriert haben. Ein Teil aber wird irgendwann zurückgehen, um die zerstörte Heimat wieder aufzubauen - mit dem Wissen, den Erfahrungen aus einer westlichen Demokratie und den Fähigkeiten, die sie in Deutschland erworben haben. Es ist eine Friedensreserve für den Tag X, die nun in Deutschland angekommen ist.

          Der Westen hat in Syrien versagt, keine politische Lösung durchgesetzt. Stattdessen rüstet er die Akteure in Syrien auf, direkt und mehr noch indirekt, indem man Staaten wie Saudi-Arabien mit Waffen belieferte, die in Syrien die ein oder andere extremistische Gruppe unterstützen. Syrien ist ein großer Absatzmarkt für die Rüstungsindustrien vieler Länder, auch Deutschland ist dabei. Die Bundesregierung hat lange nicht mehr getan als andere, um in Syrien etwas zum Besseren zu wenden. Aber jetzt haben wir die Friedensbewegung der jungen Syrer aufgenommen. Es ist Deutschlands Beitrag, das Morden zu beenden. Unser Beitrag für einen zukünftigen Frieden in diesem unglücklichen Land.

          Weitere Themen

          Mexiko ratifiziert neues Handelsabkommen Video-Seite öffnen

          NAFTA-Nachfolger : Mexiko ratifiziert neues Handelsabkommen

          Inmitten von Spannungen mit der amerikanischen Regierung hat Mexiko das neue Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten und Kanada ratifiziert. Im Senat wurde der Nachfolger des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) mit 114 Ja-Stimmen angenommen.

          Iran meldet Abschuss amerikanischer Drohne Video-Seite öffnen

          Lage entspannt sich nicht : Iran meldet Abschuss amerikanischer Drohne

          Laut eigenen Angaben haben Truppen die Drohne abgeschossen, nachdem Sie in iranischen Luftraum eingedrungen war. Die Spannungen zwischen beiden Seiten hatten sich zunehmend verschärft, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump im vorigen Jahr aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen war und neue Sanktionen verhängt hatte.

          Topmeldungen

          Amt des Kommissionspräsidenten : Wer folgt auf Juncker?

          Das Gerangel um die Besetzung der EU-Spitzenposten geht an diesem Donnerstag in die entscheidende Runde. Am Ende müssen sich Berlin und Paris einigen. Doch Merkel und Macron verfolgen unterschiedliche Strategien.
          Eine Drohne vom Typ Northrop Grumman RQ-4 (Global Hawk) der amerikanischen Streitkräfte

          Verschärfte Spannungen : Iran meldet Abschuss amerikanischer Drohne

          Die Revolutionsgarden des Regimes teilen mit, eine Aufklärungsdrohne des Typs „Global Hawk“ über eigenem Gebiet vom Himmel geholt zu haben. Das amerikanische Zentralkommando dementiert. Eine anonyme Regierungsquelle bestätigt den Abschuss – an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.