https://www.faz.net/-gpf-8bvoe

Flüchtlinge in der Türkei : Nicht jeder will nach Deutschland

  • -Aktualisiert am

Ein weiterer Stein in der Mauer: Türkisches Militär und Bauarbeiter Mitte Dezember beim Errichten des Grenzwalls zu Syrien im Distriktabschnitt Islahiye. Bild: Getty

Viele Syrer harren nach der Flucht aus ihrer Heimat in Lagern aus. So auch in Islahiye in der Türkei. Sie verspüren Sehnsucht. Aber kaum einer denkt hier an Europa.

          6 Min.

          Als Ridwan Abdulrazak noch in Syrien lebte, war er Vorsteher eines Vorortes von Idlib. „Aber Teil des Regimes war ich nie“, sagt er. Heute sitzt er in einem Zelt im Flüchtlingslager Islahiye auf der türkischen Seite des Grenzgebiets zu Syrien. Er ist nun einer von fünf gewählten Vertretern der 8000 Flüchtlinge. Es sind hier vorwiegend Frauen, Kinder und Alte, die in befestigten Zelten mit Heizung wohnen. „Sie werden hier keine Männer im kampffähigen Alter mehr finden“, sagt Abdulrazak. „Die sind alle drüben und kämpfen.“ Jede Familie habe durch den Krieg gelitten, jede habe Verwandte verloren und jede habe Verwandte, die noch drüben kämpfen. Auch deswegen äußert hier kaum jemand den Drang, weiter nach Europa zu flüchten. Von den Flüchtlingen, die nach Deutschland wollen, lebt kaum jemand in den Lagern – neunzig Prozent der Flüchtlinge in der Türkei schlagen sich weitgehend allein durch.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Ich habe Verwandte, die auf Seiten der Opposition kämpfen, ich will nicht so weit weg von ihnen sein“, sagt Abdulrazak. Er ist 55 Jahre alt, hat einen grauschwarzen Schnauzbart, einen kleinen Bauch und wache, aber tieftraurige Augen. Drei Jahre und acht Monate sei es jetzt her, dass er geflohen ist, berichtet Abdulrazak. Bis vor wenigen Monaten reiste Abdulrazak noch immer mal wieder von Islahiye zurück nach Idlib in Syrien. Ein Flüchtlingslager ist kein Gefängnis. Doch seit Russland im September seinen Luftkrieg in Syrien begann und auch Abdulrazaks Heimatregion mit Streumunition belegt, sei er nicht mehr über die Grenze gegangen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Abdulrazaks Zelt steht neben dem Eingangsbereich des Lagers unter den Augen von Präsident Recep Tayyip Erdogan und Staatsgründer Kemal Atatürk, die in Schwarzweiß von zwei riesigen Plakaten an einem Schulgebäude auf die Flüchtlinge herabblicken. In Islahiye sieht man den Krieg nur in den Gesichtern der Erwachsenen. Oder in Gestalt eines gepanzerten Mannschaftstransporters mit aufgepflanztem Maschinengewehr hinter dem Tor des Flüchtlingslagers. Er gehört zur türkischen Gendarmerie, die für den äußeren Schutz der Siedlung zuständig ist. Aber Probleme gebe es hier eigentlich nicht, sagt einer der Gendarmen. Hier rekrutiere niemand, hier mache niemand Ärger. Alles wirkt friedlich, wohlgeordnet und gut ausgestattet. Waschräume, Schulgebäude, ein paar kleine Shops der Syrer und so weiter. Doch ist dieser Eindruck mit Vorsicht zu genießen: Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat ein paar Journalisten ins Lager mitgebracht. Die offiziellen Stellen wurden im Vorfeld informiert.

          Mitte Dezember lebten nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, die sich im Wesentlichen mit denen der türkischen Regierung decken, 2,29 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei. Davon sind nur rund zehn Prozent, 220000 Menschen, in insgesamt 25 Lagern untergebracht, in denen sie eine Grundversorgung erhalten, die zum Teil vom WFP finanziert wird. Wie viele Syrer neu hinzukommen, ist schwer zu bestimmen. Manche gehen auch zurück. Nach Angaben des UNHCR sind 4000 Syrer allein aus den Lagern im Südosten der Türkei nach Syrien zurückgegangen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump während seiner Pressekonferenz im Weißen Haus zum Coronavirus.

          Coronavirus in Amerika : Wenn das mal gut geht

          Das Coronavirus stellt Amerikas Gesundheitssystem auf eine schwere Probe. Testkits taugen nichts – und viele Amerikaner können sie sich ohnehin nicht leisten.
          Was nun?

          Scherbaums Börse : Was können Anleger jetzt tun?

          Das Coronavirus dominiert das Geschehen an den Börsen. Die heftigen Kursverluste von Aktien und der im Gegenzug gestiegene Goldpreis überrascht Experten nicht. Und nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.