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Studie zur Flucht nach Europa : Eine einfache Fahrt kostet 7000 Euro

Der Preis für Schleusungen wird – so das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Internationalen Organisation für Migration (IOM) aus dem Jahr 2005 – von fünf Hauptfaktoren bestimmt: der Distanz, der Art des Transports, der Anzahl und den Eigenschaften der geschmuggelten Personen sowie der Komplexität der Unternehmung. Je schwieriger Grenzen zu überwinden sind (weil die Migranten entdeckt werden könnten, da Krieg herrscht oder Verhaftung droht), desto höher ist der Preis. Die Preise variierten, so die IAB-Studie, daher je nach Herkunftsland deutlich. Befragte aus Afghanistan und Pakistan zahlten durchschnittlich rund 12.000 Euro, gefolgt von Irakern, Iranern und Afghanen mit etwa 11.300 Euro sowie Syrern mit rund 5500 Euro. Am unteren Ende der Skala lagen die Kosten für Schleusungen aus Nordafrika (1400) sowie den Staaten des Westbalkans (1600).

Preise für Schleusungen sind dynamisch. Im Zeitverlauf der IAB-Studie sanken sie von durchschnittlich 7200 Euro im ersten Halbjahr 2013 auf 5200 Euro im zweiten Halbjahr 2015. Als Ende 2015 Hunderttausende Migranten und Asylsuchende monatlich über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind und die Staaten des Westbalkans zum Teil eine kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel angeboten haben, waren die Dienste von Schmugglern nur noch an wenigen Punkten der Reise notwendig; also sank der Preis. Ebenso ging damals, den Aussagen der Befragten zufolge, die Dauer der Flucht von durchschnittlich 38 Tagen auf 22 Tage zurück. In jüngster Zeit dürften der Preis wie auch die Dauer wieder deutlich gestiegen sein. Die wenigen Asylsuchenden, die derzeit in Deutschland ankommen, berichten, dass sie – etwa um von Griechenland nach Italien überzusetzen – elementar auf die Hilfe von Schmugglern angewiesen waren.

Wieder müssen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gerettet werden, obwohl sie für eine einfache Überfahrt mehrere tausend Euro bezahlen müssen.
Wieder müssen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gerettet werden, obwohl sie für eine einfache Überfahrt mehrere tausend Euro bezahlen müssen. : Bild: dpa

Damit gilt heute wieder erst recht, was auch 2015 zumeist gegolten hat: Die Ärmsten der Armen schaffen es kaum nach Europa. Schmugglernetzwerke dürften mit dem illegalen Geschäft weiter Milliardengewinne erwirtschaften. Sie reagieren flexibel und innovativ auf neue Herausforderungen, etwa auf Zäune. Angesichts der historischen Migrationsbewegung hatte die Politik oft die Schuld bei Schleppern gesucht. Menschenschmuggler versuchen, durch aktive Rekrutierung Kunden zu gewinnen; oft geschieht das mit Lügen und falschen Versprechen. In vielen Fällen wird Gewalt angewendet, auch das Leben der Klienten wird oftmals aufs Spiel gesetzt. Aber Schleuser eröffnen nicht aus dem Nichts einen Markt. Erst der Bedarf macht ihre Dienste möglich. Schleusungen existieren, weil sichere und legale Wege nicht vorhanden sind und weil es eine Nachfrage gibt.

Unterschieden wird zwischen Push- und Pull-Faktoren. Zu Ersteren zählen Krieg, Gewalt, Verfolgung und prekäre wirtschaftliche Verhältnisse in den Herkunftsländern, zu Letzteren die Sicherheit im Zielland, Bildung und wirtschaftliche Perspektiven. Der IAB-Studie zufolge flohen die meisten Befragten, weil sie Schutz suchten aufgrund von Konflikten und Kriegen (70 Prozent), wegen Verfolgung (44), Diskriminierung (38) und Zwangsrekrutierung (36) sowie aufgrund der wirtschaftlichen Situation im Herkunftsland (32). Mehrfachnennungen waren möglich. Als Gründe, nach Deutschland zu kommen, nannten die meisten die Achtung der Menschenrechte (73 Prozent), unter Irakern und Syrern sogar 85 beziehungsweise 81 Prozent. Ferner war für viele das Bildungssystem ein Grund (43 Prozent) sowie das Gefühl, willkommen zu sein (42). Nur knapp ein Viertel der Befragten gab die wirtschaftliche Lage in Deutschland und das Wohlfahrtssystem als Gründe für die Wahl an.

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