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Streit mit ZDF-Moderatorin : Was erlaube Gabriel?

  • -Aktualisiert am

„Ich finde Ihre Frage total merkwürdig“: Sigmar Gabriel keilt in einem Fernseh-Interview zum Thema Flüchtlinge um sich. Ist das ein Skandal? Natürlich nicht. Aber über den SPD-Vorsitzenden sagt es viel aus.

          Sigmar Gabriel hat es also schon wieder getan: In einem Fernsehinterview mit der ZDF-Moderatorin Bettina Schausten war der SPD-Vorsitzende am Sonntagabend selbst für seine breitschultrigen Verhältnisse angriffslustig wie selten. Zu keiner Zeit des etwa siebenminütigen Gesprächs ließ er einen Zweifel daran, was er von den Fragen seines Gegenübers hielt: wenig bis gar nichts.

          „Ich finde Ihre Frage total merkwürdig“, beschied er Schausten schon bei der Eingangsfrage, ob er als Vizekanzler angesichts seiner Kritik an der Union noch an der Seite von Angela Merkel stehe. Und in dem Ton keilte Gabriel griesgrämig munter weiter: „Nichts von dem was Sie sagen, ist richtig, Frau Schausten, entschuldigen Sie, wenn ich das in aller Klarheit sage.“

          Auch Schaustens Nachfrage nach der Obergrenze von einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr, von der Gabriel vor einigen Wochen gesprochen hatte, wischte er barsch vom Tisch: „Das ist falsch, Sie nehmen das so wahr und senden das so.“

          Gabriel, der Interview-Flegel?

          Gabriel hat also wieder einmal laut „basta“ gesagt - und die Aufregung ist mindestens so groß wie bei Gabriels „Skandal-Gespräch“ mit Schaustens Kollegin Marietta Slomka vor knapp zwei Jahren. „Gabriel zofft sich im ZDF mit Interviewerin Schausten“, schrieb die Deutsche Presseagentur am Sonntagabend; der SPD-Vorsitzende sei „erneut mit einer Journalistin aneinandergeraten“. Was erlauben Gabriel, der Interview-Flegel?

          Um das mal festzuhalten: Es ist kein Eklat, wenn Gesprächspartner bei einem Interview nicht einer Meinung sind und das auch offen kundtun. Und es ist auch keine Verrohung der Sitten, wenn ein erkennbar übellauniger Politiker keine Lust hat, sich an die „political correctness“ zu halten.

          Weichgespülter medialer Diskurs

          Im Gegenteil: Interviews wie dieses sind eher erfrischend - und viel zu selten. 1971 zerlegte der Manager der linksalternativen Band „Ton, Steine, Scherben“, Nikel Pallat, in einer Talkshow noch den Tisch mit einem Beil, weil er von „Kapitalistensäuen“ umgeben war. Heutzutage pflegen wir in Deutschland einen weitgehend weichgespülten medialen Diskurs: Auf gestanzte, wolkige Fragen von Journalisten folgen in der Regel gestanzte, wolkige Antworten von Politikern - so wollen es die Gepflogenheiten zur besten Sendezeit. Erkenntnisgewinn für den gelangweilten Zuschauer: null. 

          Im Vergleich dazu hat der durchaus unterhaltsame „Eklat“ am Sonntagabend doch deutlich mehr verraten  - vor allem über die dünnhäutige Gemütslage des SPD-Vorsitzenden. Gabriel steht in der Flüchtlingskrise zwischen Vizekanzlerschaft und SPD-Basis immer mehr unter Druck. Als Vizekanzler muss er staatsmännisch an der Seite der Kanzlerin stehen und nimmt ihren Kurs öffentlich gegen Kritik vor allem aus der Union in Schutz.

          Viel Druck, viel Macho

          Als SPD-Vorsitzender hingegen wird ihm nicht erst in der Flüchtlingspolitik zunehmend Profillosigkeit vorgeworfen und mehr Abgrenzung von Merkel verlangt. Gleichzeitig weiß Gabriel natürlich um die Chance, den Spalt, den die „sozialdemokratische“ Flüchtlingspolitik zwischen die Kanzlerin und ihre Partei getrieben hat, weiter zu vergrößern. Eine strategisch schwierige Gemengelage - und eine mögliche Erklärung für seine Bärbeißigkeit.

          Doch Gabriels robuster Auftritt enttarnt noch etwas anderes: seine Macho-Attitüde, die sich generell von niemandem, von Frauen aber noch weniger sagen lässt. Oder würde er auch Claus Kleber oder Thomas Roth so abmeiern wie Marietta Slomka oder jetzt Bettina Schausten?

          Als Angela Merkel neulich bei Anne Will zu Gast war, blaffte sie nicht um sich, und sie fiel ihrem Gegenüber auch nicht ins Wort. Das mag daran liegen, dass sie als Frau mit einer Frau sprach. Vielleicht reagiert sie unter Druck aber auch einfach souveräner.

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