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Integration in der Schule : Wie Flüchtlingskinder die Deutsch-Hürde nehmen

An der Otto-Hahn-Schule in Frankfurt lernen jugendliche Flüchtlinge in Intensivklassen Deutsch. Bild: epd

Hunderttausende junge Flüchtlinge sollen zur Schule gehen. Frühestens nach einem halben Jahr können sie genug Deutsch, um in eine Regelklasse zu wechseln. Sie zu unterrichten ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

          Die deutsche Aussprache ist schwierig; an „ch“ und „sch“ scheitern auch Muttersprachler. „Ich“ sagen die in einem Kreis sitzenden Schüler nacheinander, sie sind hochkonzentriert. Danach „acht“. „Und nun für Spezialisten“, sagt die Lehrerin Katja Keller: „Bruder und Brüder“. Dann üben sie „Eichhörnchen“, anschließend „Mülleimer“. Das machen die 18 Schüler der Theißtalschule in Niedernhausen im Taunus schon sehr gut, bedenkt man, dass sie erst seit drei Monaten eine deutsche Schule besuchen und zuvor wenig oder sogar kein Deutsch konnten wie die drei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge aus Syrien. Einer lebte zunächst in einer Gemeinschaftsunterkunft unter lauter Männern. Das Lernen sei ihm sehr schwergefallen, erzählt Keller. Doch dann habe er in ein SOS-Kinderdorf umziehen können und könne dem Unterricht nun gut folgen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Die Schüler im Alter von 10 bis 15 Jahren besuchen eine der rund 470 Intensivklassen an allgemeinbildenden Schulen in Hessen. Solche Klassen entstehen auch in anderen Bundesländern im Zuge des Flüchtlingszustroms immer mehr. Wichtigstes Lernziel ist es, die deutsche Sprache zu lernen. Wenn die jungen Migranten ein gutes Niveau erreicht haben, wechseln sie in eine Regelklasse. „Das wird bei manchen schon nach einem halben Jahr möglich sein, bei anderen vielleicht nach einem Jahr“, vermutet Keller.

          Für den Erwerb der deutschen Sprache benötige ein Flüchtlingskind mindestens 800 Stunden, schätzt der Deutsche Lehrerverband. Er ist überzeugt, dass vor den Schulen eine Mammutaufgabe liege, die nur unter Einsatz erheblicher finanzieller und personeller Ressourcen geschafft werden könne. Derzeit rechnet man mit 200.000 bis 300.000 jungen Flüchtlingen, die in das deutsche Schulsystem aufgenommen werden müssen.

          Nicht einmal Grundkompetenzen

          Für sie würden mindestens 20.000 Lehrkräfte mit einer Qualifikation in Deutsch als Fremdsprache benötigt, die mindestens eine Milliarde Euro im Jahr kosteten, rechnen die Lehrervertreter vor. Sie empfehlen, die ausreichend am Markt verfügbaren jungen Lehrkräfte mit Fakultas Deutsch für eine entsprechende Fortbildung zu gewinnen. Gebraucht würden außerdem Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten. Zudem erfordere die Integration in das Berufsbildungssystem eine Begleitung durch multiprofessionelle Teams. An den insgesamt hohen Kosten müsse sich auch der Bund beteiligen.

          Die besondere Herausforderung besteht nach Ansicht der Lehrerorganisation darin, dass die Schülerschaft sehr heterogen und viele junge Flüchtlinge kaum alphabetisiert seien. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut bremst selbst für die Syrer die manchmal hohen Erwartungen. „Wir müssen derzeit leider davon ausgehen, dass zwei Drittel der Flüchtlinge aus Syrien von ihrem Bildungssystem für eine Beteiligung an einer modernen Gesellschaft nicht ausreichend ausgebildet wurden.“ Bei internationalen Tests im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich im Jahr 2011 hätten 65 Prozent der Syrer in der achten Klasse nicht einmal Grundkompetenzen erreicht; in Deutschland liege der vergleichbare Wert bei 16 Prozent.

          Katja Keller ist bestens dafür ausgebildet, Flüchtlinge zu unterrichten. Weil sie ansonsten Schülern Französisch und Spanisch beibringt, kennt sie sich in Fremdsprachendidaktik aus. Außerdem hat sie während ihres Studiums Kenntnisse in Deutsch als Zweitsprache erworben. In der Intensivklasse zu unterrichten ist anstrengend. Nur manchmal sind zwei Lehrkräfte in der Klasse, oft ist eine allein. „Und jedes Kind hat Ansprüche“, sagt Keller. Auch genügt es nicht, Vokabeln zu pauken. Die Schüler müssen viel Deutsch sprechen, auch miteinander. „Das zu organisieren ist aufwendig.“

          „Zum Teil treibt sie auch die existentielle Not“

          Keller hat eine Fortbildung zum Umgang mit traumatisierten Kindern besucht. „Das war aber nur ein Wochenende - ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Sie wünscht sich mehr psychologische und sozialpädagogische Unterstützung. Und öfter zwei Lehrer in der Klasse. Doch obwohl Hessen im kommenden Haushalt 40 Millionen Euro für 800 neue Lehrerstellen bereitstellt, wird dies angesichts der hohen Flüchtlingszahlen wohl ein Wunsch bleiben. Es ist noch nicht einmal sicher, dass alle ausgeschriebenen Stellen rasch besetzt werden können, obwohl Kultusminister Alexander Lorz auch pensionierte Lehrkräfte reaktivieren will.

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