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Integration in der Schule : Wie Flüchtlingskinder die Deutsch-Hürde nehmen

Illusorisch ist es, 800 Lehrer mit der Qualifikation Deutsch als Zweitsprache zu finden, denn die werden ja überall händeringend gesucht. Junge Zuwanderer zu unterrichten lohne sich sehr, sagt Keller. „Sie machen große Fortschritte und sind höchstmotiviert, viel motivierter als die deutschen Schüler.“ Für diese seien schon 20 Minuten Stillarbeit viel. Migrantenschüler könnten hingegen problemlos 90 Minuten lang still lernen. „Sie wollen etwas erreichen, zum Teil treibt sie auch die existentielle Not.“

„Für junge Flüchtlinge ist Zeit nicht Geld, sondern Gold“, sagt Michael Stenger. „Sie stehen unter großem Druck, fühlen sich verantwortlich, ihre Familien zu unterstützen.“ Stenger gehört hierzulande zu den erfahrensten Praktikern in der Beschulung von Flüchtlingen. Schon im Jahr 2000 hat er in München eine Schule für Flüchtlinge ab 16 Jahren gegründet. Fast alle erreichen dort einen Hauptschulabschluss. Fast alle, bis auf die 20 Prozent, die anschließend auf eine Realschule oder ein Gymnasium gehen, können auf eine Ausbildungsstelle vermittelt werden.

Erstaunliche Lernfortschritte

Wie viele sich später im Berufsleben etablieren, hat man noch nicht exakt erhoben. Es seien aber weit mehr als 75 Prozent, ist sich Stenger sicher. Dafür sorgt auch, dass die Schlau-Schule (Schlau steht für schulanaloger Unterricht) ihre Absolventen nach dem Schulabschluss weiter unterstützt.

Rund drei Viertel des Schuletats von etwa 1,5 Millionen Euro finanzieren öffentliche Geldgeber. Der Rest kommt von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen. 20 Unternehmen unterstützten die Schule, sagt Stenger, Tendenz steigend. Der Mittfünfziger ist ein Kraftpaket. Für ihn ist klar, dass die Beschulung junger Flüchtlinge gut gelingen kann, wenn man es richtig macht. „Entscheidend ist die individuelle Herangehensweise.“ Man müsse die Schüler einzeln ansprechen und ihr Vertrauen gewinnen. „Das ist die Basis für die Abschlüsse, die sie später machen.“ 16 Schüler je Klasse seien die Obergrenze, ein familiäres Klima sei wichtig.

15 Klassen mit 225 Schülern gibt es an der Schlau-Schule und fünf Klassen mit 80 Schülern an der Partnerschule Isus. Die Lernfortschritte seien erstaunlich, auch bei denen, die noch nie in eine Schule gehen durften, sagt Stenger. „Die saugen alles auf, ihre Begeisterungsfähigkeit ist immens.“ In zwei, drei Jahren von null Deutsch bis zum Schulabschluss, das erlebe er ständig. Dabei sei mehr als die Hälfte traumatisiert, ein gewisses Grundtrauma hätten alle.

Psychologe auch für die Lehrer

„Viele haben Schlafstörungen.“ In den Gemeinschaftsunterkünften teilten sie einen Raum mit anderen, es sei laut. Hinzu komme bei manchen der unsichere Aufenthaltsstatus. „Gerade drehen die Afghanen am Rad. Sie haben Angst, abgeschoben zu werden.“ Die Lehrer an der Schlau-Schule sind nicht nur in Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache ausgebildet worden; sie sind auch durch Schulungen auf die Folgen der Traumatisierungen vorbereitet. Unterstützung bekommen sie von Sozialarbeitern. Gerade wird ein Psychologe eingestellt. „Den brauchen wir auch für die Lehrer.“

Wichtig sei, viel Ruhe im Klassenraum herzustellen und auf feste Regeln wie Pünktlichkeit zu achten, erklärt Stenger. Es sei eine schöne Arbeit. „Interessierte Schüler zu unterrichten ist ein pädagogisches Vergnügen.“ Auch könne man großen Einfluss auf die jungen Menschen nehmen. „Wir machen deutlich, welches Wertesystem in Deutschland gilt, und werden bei Fehlverhalten tätig.“

An der Schlau-Schule sind die Schüler bis zu 25 Jahre alt. Weil es in Bayern bis 21 Jahre eine Berufsschulpflicht gibt und unter bestimmten Bedingungen sogar bis 25 Jahre, gilt das Land in der Beschulung von Flüchtlingen als vorbildlich. In anderen Bundesländern ist unklar, was nach dem Ende der Berufsschulpflicht, in der Regel mit 18 Jahren, passiert. In Hessen hat man das Programm InteA (Integration und Abschluss) für junge Migranten begonnen. Hauptzielgruppe sind Heranwachsende zwischen 16 und 18 Jahren.

Darüber hinaus können Schulen Flüchtlinge zwischen 18 und 21 Jahren aufnehmen; sie müssen aber nicht. Stenger hält es für gefährlich, gerade die Altersgruppe zwischen 18 und 21 Jahren durch das Raster des Schulsystems fallen zu lassen. „Sie können besonders leicht von der gefährdeten zur gefährdenden Gruppe werden.“

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