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Sehnsuchtsort Deutschland I : Der Programmdirektor

Nothilfe statt Tanzcafé: Levent Arslan wendet sich im Dietrich-Keuning-Haus den Flüchtlingen zu. Bild: Frank Röth

Von einem Dortmunder Kulturzentrum aus werden derzeit Hunderte Flüchtlinge aus Ungarn empfangen, verpflegt und auf Unterkünfte verteilt - und mittendrin der Programmchef des Hauses. Rund tausend freiwillige Helfer unterstützen ihn dabei.

          Levent Arslan schaut angespannt über die langen leeren Tischreihen hinweg zum Seiteneingang, dorthin, wo in gut einer Stunde wieder Hunderte Flüchtlinge in die große Halle des Dietrich-Keuning-Hauses in Dortmund strömen werden. „Man weiß halt nicht, wie viele diesmal kommen. Ich bin jedes Mal nervös“, sagt Arslan, als er durch den Saal geht, um zu prüfen, ob die großen Pappschilder gut lesbar sind, an denen sich die ehrenamtlichen Dolmetscher für Farsi, Arabisch und Kurdisch postieren sollen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das Keuning-Haus ist ein kulturelles Veranstaltungszentrum in der Nordstadt, dem Melting Pot Dortmunds. Arslan ist der Programmdirektor des Hauses. Der 43 Jahre alte Kulturmanager in Diensten der Stadt Dortmund ist es gewohnt, die ganze Welt bei sich zu Gast zu haben. Im August fand im Keuning-Haus eine ghanaische Feier, eine tamilische Kulturveranstaltung oder das „Tanzcafé mit Rudi Brossat“ statt. Diese Woche sollte eine Japan-Convention und das Jazz-Konzert von „Ina & das Trio Therapie“ stattfinden. Aber Arslan musste nun alle Veranstaltungen absagen. Am Samstagabend bekam er von seinen Mitarbeitern eine SMS: „Das ist ein Notfall.“ Er möge schnell kommen, morgen sei mit vielen, sehr vielen Flüchtlingen zu rechnen.

          Wie München ist Dortmund eine Art Brückenkopf, um die vielen über Ungarn kommenden Flüchtlinge in Empfang zu nehmen, sie zu verpflegen und dann nach gut einer Stunde mit Bussen auf Unterkünfte zu verteilen. Das Keuning-Haus ist besonders gut als Drehscheibe geeignet. Die wenigen Meter vom Dortmunder Hauptbahnhof können die Flüchtlinge zu Fuß zurücklegen, die Hauptwache der Dortmunder Feuerwehr, die den Kriseneinsatz leitet, befindet sich direkt gegenüber.


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          Arslan hilft, einen Karren zu schieben, auf dem ein schwerer Topf mit duftender Linsensuppe steht. Fieberhaft ist derweil ein Dutzend Frauen mit und ohne Kopftuch an Tapeziertischen damit beschäftigt, Fladenbrotviertel mit Käse oder Putenfleisch zu belegen. „Ohne die vielen Ehrenamtlichen ginge hier gar nichts“, sagt Arslan. Rund 1000 Helfer hat die Feuerwehr mittlerweile in einer Kartei erfasst.

          Um kurz nach 19 Uhr steht Arslan am Hintereingang der Halle und schaut auf die Menschenmenge, die sich in geschlossener Formation nähert. Die Flüchtlinge jubeln, klatschen und werden von Schaulustigen beklatscht. Dann und wann rufen sie: „We love Merkel.“ Arslan fragt sich, ob es diesmal wie angekündigt „nur“ 450 Flüchtlinge sind. Wenig später sind alle 450 Plätze im Saal besetzt, und Arslan und andere Helfer versuchen, die nachrückenden Leute mit ausladenden Armbewegungen in Nebenräume umzuleiten.

          Als nächstes ist Düsseldorf dran

          Ein Gruppe junger Syrer steuert direkt auf einen Stehtisch zu, der als Ladestation für Mobiltelefone dient. „Dortmund, Dortmund, Dortmund“, ruft einer lachend ins Telefon. Seine Frau, die mit den beiden kleinen Töchtern noch in Syrien lebt, soll wissen, dass er nach einem Monat und drei Tagen Flucht in Sicherheit ist. Er erzählt Arslan, dass er weiter nach Schweden zu seiner Schwester wolle. Er zeigt auf sein Smartphone, weil seine Schwester in diesem Moment per Internetdienst rät, nicht über Dänemark weiterzureisen, sondern in Kiel ein Schiff zu nehmen. Dann sagt der Syrer noch, dass er sich wundere, wie viele Leute aus Pakistan oder vom Balkan in dieser Gruppe seien. „Was machen die Leute hier? In ihren Ländern ist es doch nicht so schlimm wie bei uns in Syrien.“

          Als sich das Keuning-Haus nach und nach leert, gehen Helfer mit blauen Müllsäcken durch die Reihen. Arslan atmet tief durch. In kaum zwei Stunden kommt der nächste Zug. Wenige Stunden später übernimmt Düsseldorf für 24 Stunden die regionale Drehscheibenfunktion von Dortmund.

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