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Sehnsuchtsort Deutschland : Der Praktikant

  • -Aktualisiert am

Im Land der unbefüllten Weinblätter: Yassin (rechts) mit einem weiteren syrischen Praktikanten bei der Arbeit Bild: Daniel Pilar

Dara Yassin floh mit seiner Familie nach Deutschland. Nun macht er ein Praktikum in einer Göttinger Biotechnikfirma - und hofft auf eine Anstellung.

          Dara Yassin trägt einen weißen Kittel und eine Schutzbrille. Aus einer hellen Polyethersulfon-Folie stanzt er runde Mikrofilter, wie sie in der Biopharmazie benötigt werden. Er misst den Wasserdurchfluss und ermittelt im „Bubble-Test“, bei welchem Druck die Luft durch die Poren im Nanomaßstab tritt und Blasen wirft. Es ist Yassins zweiter Tag im Forschungslabor des Biotechnik-Zulieferers Sartorius in Göttingen, wo der Agraringenieur aus Syrien hofft, auf Dauer eine Arbeit zu finden. Er ist einer von fünfzehn Praktikanten, die das Unternehmen zu einem Test eingeladen hatte, weil es, als die Flüchtlinge kamen, jenseits der symbolischen Gesten seinen Beitrag leisten wollte. Und was könne ein Unternehmen bieten, wenn nicht Arbeit, fragt Unternehmenssprecherin Petra Kirchhoff: „Wir wollen uns einbringen.“

          Elf der Flüchtlinge entschieden sich für ein Praktikum bei Sartorius, die anderen wollten lieber zum Gymnasium gehen, im Hotel, bei einer Bank und als Mechaniker arbeiten. Yassin aber ist bei Sartorius glücklich. „Als mich die große Firma geholt hat, habe ich sofort ja gesagt. Das Labor gefällt mir sehr gut“, sagt Yassin. In Damaskus erstellte er Wasser- und Bodenanalysen in der Agrarforschung eines Unternehmens.

          Für „Bewerbung“ gibt es im Arabischen kein Wort

          Yassin hat Deutsch gelernt, und das zeigt er bereitwillig: „Ich bin 34 Jahre alt, und ich bin Syrer. Ich bin fast ein Jahr in Deutschland. Ich wohne in Göttingen. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder.“ Wie häufig er diesen Spruch schon aufgesagt habe? Da lacht er, nicht laut und aufdringlich, sondern eher schüchtern und gewinnend: „Oh, viele Male.“

          Mit dem Auto und zu Fuß kam die Familie aus Syrien nach Deutschland, erzählt Yassin. Sowohl Assad als auch der „Islamische Staat“ seien für ihn eine Katastrophe, denn er sei Kurde. Von Verwandten wusste er, wie es in Deutschland ist. Darum wollte die Familie hierher und gezielt nach Göttingen, wo der Bruder der Frau lebt. Bei diesem kam die Familie zunächst unter, bis sie eine eigene Wohnung beziehen konnte. Ihr Sohn ist acht Jahre alt, die Tochter sechs, und das jüngste Kind kam kürzlich im Sommer zur Welt. Der ältere Sohn ist sich schon sicher, dass er in Deutschland bleiben möchte, und auch der Vater bezweifelt, dass er jemals zurückkehren wird. Der Konflikt in der Heimat werde noch mehr als zehn Jahre lodern. Nun wartet Yassin auf die Anerkennung seines Asylantrags und lernt fleißig Deutsch, damit er es eines Tages so gut beherrscht wie seine Kinder und einen Beruf finden kann.


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          © Daniel Pilar

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          Dem Praktikanten ist Jakob Jamil, ein Wissenschaftler aus der Forschungsabteilung, zur Seite gestellt. Sartorius beschäftigt Mitarbeiter aus 35 Nationen. Da gibt es für jeden einen Paten. Jamil ist syrisch-orthodoxer Christ. Seine Familie kam schon vor langer Zeit nach Deutschland. Weil die nächste aramäische Gemeinde mehr als 130 Kilometer weit in Hessen liegt, gehen seine Kinder in der katholischen Kirche in Göttingen zur Erstkommunion. So funktioniert Weltkirche. Probleme wegen des Glaubens gibt es zwischen Yassin und Jamil, dem Muslim und dem Christen, nicht. Jamil übersetzt für Yassin, wenn dessen Deutsch nicht reicht. Im Gespräch auf Arabisch zwischen den beiden fällt immer wieder das Wort „Bewerbung“ in deutscher Sprache. Jamil erklärt warum: Für das, was Deutsche unter einer Bewerbung verstehen, gebe es im Arabischen kein Wort. Dort zählten „Beziehungen und Vitamin B“. Man kenne sich eben.

          „Zum Essen“, sagt Yassin, „habt ihr dieselben Dinge wie wir. Aber ihr bereitet sie anders zu.“ Die Deutschen zum Beispiel verschmähten ihre Weinblätter, füllten sie nicht, um sie zu verspeisen. Stimmt. Und noch etwas ist anders, als sich die Gruppe von Forschern und Praktikanten zum Essen vor der Kantine in die Herbstsonne setzt: Die Deutschen wünschten „Guten Appetit“ vor dem Essen, die Syrer danach. Yassin hat zu Coca-Cola und Rindfleischstreifen gegriffen. Ob die Art der Tötung des Tieres, das er verzehrt, und die Religion des Metzgers für ihn eine Rolle spiele? Nein, sagt Yassin und lacht. Vor allem habe es geschmeckt.

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