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Sehnsuchtsort Deutschland : Der Aufbauhelfer

  • -Aktualisiert am

Notlösung: Bis zu 200 Asylbewerber können in diesem Festzelt untergebracht werden. Bild: Gommlich, Robert

Sebastian Richter ist ehrenamtlicher Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks. Seit Juli ist er fast permanent im Einsatz, um Notunterkünfte für Flüchtlinge zu bauen.

          Nur kurz wird das große Festzelt leer sein, durch das Sebastian Richter läuft. Er kontrolliert den Holzboden und die darüberliegenden Gummimatten, auf die Mitarbeiter leuchtend gelbe Streifen aufbringen. So entstehen Wege - nicht für Kirmesbesucher, sondern für 200 Asylbewerber, die schon wenige Tage später in das beheizbare Zelt einziehen werden. Die Feldbetten liegen noch draußen in Kartons auf Paletten, gegenüber stehen Container mit Kleiderspenden, und um das Küchenzelt ist ein Entwässerungsgraben ausgehoben. „Fehlen nur noch die Toiletten- und Duschcontainer“, sagt Richter und zeigt auf den Platz, wo derzeit fünf blaue Dixi-Häuschen für die Aufbauhelfer zu sehen sind.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Mit einer Woche Vorlauf erfuhr Sebastian Richter, dass die Kapazität des Not-Camps in der Nähe des Dresdner Hauptbahnhofs, auf dem bereits ein Zelt mit 200 Asylbewerbern stand, verdreifacht wird. „Das war eine vergleichsweise lange Vorlaufzeit“, sagt der 34 Jahre alte ehrenamtliche Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW). Im Sommer lief das anders. An einem Donnerstagnachmittag im Juli hatte Richter einen Anruf bekommen. „Es klang sehr dringend“, erzählt er. „Da habe ich vorsichtshalber Sachen für zwei Tage eingepackt.“ Seitdem war er über Monate beinahe ununterbrochen im Einsatz.

          An jenem Donnerstag hatte er nur wenige Stunden, um einen Plan zu skizzieren, dann kamen auch schon der Radlader, der ein Gelände in einem Dresdner Gewerbegebiet planierte, und Lkw, die Schotter abkippten. Ab Freitag bauten Richter und seine Helfer Zelte für tausend Asylbewerber auf, am gleichen Abend noch zogen die ersten ein; es war das erste Flüchtlingszeltcamp in Dresden und in dieser Größe in Deutschland.

          Das THW arbeitet dabei im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das zahlreiche Flüchtlingsunterkünfte betreut; Richter fungiert als technischer Planer und Berater für den Campaufbau und die Einrichtung von Messehallen oder einstigen Baumärkten als Notunterkünfte; er hat darin viel Erfahrung. „Ich mache hier das, wofür ich sonst ins Ausland geschickt werde“, sagt er. Im Februar, während der Ebola-Epidemie, war Richter in Westafrika, im April nach dem Erdbeben in Nepal, in den Jahren davor auch in Jordanien und im Nordirak, wo er Camps für Syrien-Flüchtlinge aufbaute.


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          © Daniel Pilar

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          Sein Job ist stets der gleiche: Er muss eine Not-Infrastruktur schaffen - Wasser, Abwasser, Blitzschutz, Strom - sowie Schlafplätze und Einrichtungen für Verpflegung, Sanitär und Müll ausweisen und dabei die Standards der Vereinten Nationen einhalten: sechs Quadratmeter überdachte Fläche pro Flüchtling, mindestens eine Toilette für 50 Personen, zwölf Meter Brandschutz-Abstand zwischen Zelten. Als Helfer muss er dabei Diplomat und Pragmatiker sein, möglichst viele Leute einbinden, aber auch loslegen, praktische Lösungen finden. „Sonst schlafen die Leute unter freiem Himmel.“

          Sebastian Richter stammt aus Bautzen, er hat dort eine kleine Firma für Kfz-Elektronik, seit 2006 arbeitet er auch für das THW. Der damalige Bautzner THW-Chef habe ihn beim Bier gefragt, dann absolvierte er drei Jahre lang Lehrgänge, qualifizierte sich und hat es nicht bereut. Er ist Single, die Firma führt während seiner Abwesenheit ein Mitarbeiter, für seine Einsätze erhält Richter Verdienstausfall.

          Es motiviere ihn, direkt helfen und aus unserer normalen Welt ausbrechen zu können. „Die Leute sind in Not, und man kann mit einfachen Mitteln sehr schnell sehr viel tun.“ Helfer bekommen viel Anerkennung, wenn sie etwa bei Flutkatastrophen Turnhallen zu Notunterkünften umfunktionieren. In diesem Sommer und Herbst aber sei die Stimmung bisweilen gereizt, erzählt Richter. Als im Juli Rechtsextreme vor dem im Blitztempo errichteten Dresdner Camp auch Helfer angegriffen hätten, sei er lieber in Zivilkleidung unterwegs gewesen.

          Jetzt steht Richter in Stiefeln, Cargohose und blauer THW-Jacke zwischen den neuen Zelten. Er muss sie winterfest machen, sie sind keine Übergangslösung mehr. Kürzlich war er in Berlin beim Bundesinnenminister. Thomas de Maizière habe gesagt, er wäre froh, wenn er mitteilen könnte, dass der Einsatz in zwei Wochen beendet sei. „Aber das kann derzeit niemand sagen“, sagt Richter. Dann greift er zum Telefon und fragt 850 Doppelstockbetten an. Die nächste Notunterkunft ist bereits in Planung.

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