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Seehofers Logik : Auf die Türken kommt es an

45.000 Migranten in einem Monat

Am 19. Februar hatte Österreich ein Tageslimit von 80 Asylbewerbern an seinen Übergängen zu Slowenien eingeführt. Darauf reagierten alle Staaten entlang der Balkan-Route, weil sie nicht selbst auf den Flüchtlingen sitzenbleiben wollten. Zunächst wurden Afghanen nicht mehr durchgelassen, nur noch Syrer und Iraker. Dann vereinbarten die Polizeichefs der betroffenen Länder ein neues Verfahren; danach sollte jeder Migrant bei der Einreise nach Mazedonien neu registriert werden, weil man den Griechen nicht traute. Doch dazu kam es nicht mehr.

Am 9. März schloss Skopje den inzwischen mit Stacheldraht bewehrten Grenzabschnitt bei Idomeni. Im Nu stauten sich dort Tausende Flüchtlinge; in ganz Griechenland waren es 45.000 in den vier Wochen zwischen der Einführung des österreichischen Tageslimits und dem 20. März, als das Abkommen mit der Türkei in Kraft trat.

45.000 Migranten in einem Monat – für Deutschland wäre das nicht viel. Allein im November 2015, dem Spitzenmonat, wurden hierzulande mehr als 200.000 Asylsuchende registriert. Allerdings hat Deutschland siebenmal so viele Einwohner wie Griechenland. Anders gesagt: 45.000 Flüchtlinge dort sind so viele wie 315.000 hier. Athen konnte diesen gewaltigen Zustrom nur bewältigen, weil es von allen Seiten Hilfe bekam. Es gehört zu den selten gewürdigten Großtaten der vergangenen Monate, dass das Land nicht im Chaos versunken ist.

Diese Woche wurde sogar das von Hilfsorganisationen versorgte wilde Lager an der Grenze zu Mazedonien aufgelöst. Das alles war nur möglich, weil inzwischen fast keine Flüchtlinge mehr nach Griechenland kommen. Und damit sind wir beim Rückführungsabkommen mit der Türkei, das am 18. März bei einem Gipfeltreffen in Brüssel geschlossen wurde und zwei Tage später in Kraft trat.

Transparenz in der Ägäis

Unsere Grafik zeigt es eindeutig: Erst mit diesem Abkommen fallen die Flüchtlingszahlen dauerhaft unter tausend am Tag. Heute liegen sie meistens im zweistelligen Bereich oder niedriger. „Man muss die Null sehen“, hatte der niederländische Ratsvorsitzende Mark Rutte Anfang März gefordert. Jetzt ist es so weit – das Abkommen wirkt. Wäre der Strom auf dem vorherigen Niveau geblieben, hätte Griechenland inzwischen mehr als 100.000 Migranten aufnehmen müssen.

Man kann sich fragen, ob die wenigen abgezäunten Kilometer der Grenze zu Mazedonien diesem Druck standhalten würden. Oder ob dann nicht sofort neue Ausweichrouten über Albanien und Bulgarien entstünden. In den sozialen Medien, wo Schlepper um Kunden werben, gab es schon Hinweise darauf.

Zweifellos war die Schließung der mazedonischen Grenze ein wichtiger Schritt. Die Flüchtlingszahlen sind daraufhin um knapp 800 am Tag gefallen. Allerdings lag das nicht nur an der Grenzschließung. Denn zur selben Zeit begann der Nato-Einsatz vor der türkischen Küste. Plötzlich kreuzten dort Fregatten und ein deutscher Einsatzgruppenversorger. Auch das wirkte abschreckend, zumal die Kriegsschiffe verdächtige Bewegungen den Küstenwachen meldeten. Zum ersten Mal herrschte Transparenz in der Ägäis. Nun war es viel schwieriger für Migranten, griechische Gewässer zu erreichen. Dafür spricht, dass bis heute kein einziger Schiffbrüchiger von einem Nato-Schiff gerettet werden musste – die Türken waren mit ihren Booten immer schneller.

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