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Flüchtlingskrise in Schweden : In der Wirklichkeit

Angekommen im neuen Schweden: Flüchtlinge in einer Aufnahmeeinrichtung nahe der Hyllie-Station in Malmö Bild: Mads Nissen/Politiken/laif

Schweden hat sich gerne als humanitäre Supermacht gesehen, die alle Fremden mit offenen Armen empfängt. Die Flüchtlingskrise hat die Grenzen aufgezeigt. Das Land steht unter Spannung, und die extremen Kräfte werden stärker.

          11 Min.

          Es ist spät am Abend, als in Kopenhagen sieben Afghanen in den Zug nach Malmö steigen. Durch den Bahnhof ziehen Dänen auf den Weg zu den Partys der Nacht, manche wanken bereits. Amir hat dafür keinen Blick, er ist gehetzt. Seit mehr als einem Monat ist er auf der Flucht, sein richtiger Name lautet anders. Seine Weggefährten hat Amir in Flüchtlingslagern in Deutschland kennengelernt, seine Habseligkeiten haben sie in schmuddeligen Rucksäcken, und Amir trägt eine Mütze mit dem Wappen einer deutschen Stadt auf dem Kopf. Helfer am Bahnhof haben ihnen versucht zu erklären, was sie in Schweden erwartet. Dass Polizisten die Grenzen kontrollieren. So ganz verstanden haben sie es nicht. Es sind 30 Minuten bis zur Grenze.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Amir sitzt im Zug und starrt auf den Vordersitz, auf seine Beine, seine Hände. Er kann kaum sehen, wie der Zug das dänische Festland verlässt und auf die Öresundbrücke fährt – fast acht Kilometer lang, darunter die aufgewühlte Ostsee – und dann wieder durch eine karge Landschaft rollt. Wenn Amir aus dem Fenster guckt, sieht er nur Schwarz. Immer wieder fragt er, wie es weitergeht. Seine Freunde rätseln, sie wissen es nicht genau.

          Die meisten wollen in Schweden bleiben, Amir will unbedingt weiterreisen, in Norwegen wartet ein Onkel. Eine Durchsage auf Schwedisch und Englisch: Bitte halten Sie Ihre Ausweise bereit. Der Zug hält, ein Bahnhof grau in grau, Hyllie-Station in Malmö. Ist das Dänemark oder Schweden, fragt Amir. Es ist Schweden, die Grenze für die Flüchtlinge. Es wird ruhig. Amir nimmt die Mütze ab, streicht sich durch die tiefschwarzen Haare und schaut den Gang entlang. Dann kommen die Polizisten.

          Entweder um Asyl bitten oder nach Dänemark weiterreisen

          Ein Sturm zieht auf. Wind zieht kalt durch den Bahnhof, drückt sich unter die Kleidung und bis an die Haut. Die Sonne ist längst wieder aufgegangen, und Tomas Borr steht am Gleis und wartet auf den nächsten Zug. Borr ist Polizist, groß, kräftig und freundlich, hinter einer Säule sucht er ein wenig Schutz vor dem Wind. Die Hyllie-Station ist neu wie auch das Viertel, das sie mit Malmös Innenstadt verbindet. Ein riesiges Einkaufszentrum steht hier („Emporia“), eine Arena für die Eishockeymannschaft, und gleich dahinter liegt die Messe. In Malmö ist man stolz darauf. Jetzt allerdings ist der Bahnhof in ganz Schweden wegen der Grenzkontrollen bekannt, und in der Messe warten Hunderte Flüchtlinge, die Borr und seine Kollegen aus den Zügen geholt haben.

          Zwei Möglichkeiten haben die Flüchtlinge: Entweder bitten sie um Asyl und werden aus dem Bahnhof geleitet. Oder sie tun es nicht. Dann bringen die Polizisten sie zum Gleis gegenüber und setzen sie in den nächsten Zug zurück nach Dänemark. „Wir möchten helfen“, sagt Borr. „Aber dann muss es auch nach unseren Regeln gehen.“ Wenn Flüchtlinge sich nicht registrieren lassen wollen, ist ihre Reise hier beendet.

          „Wir brauchen eine Atempause für das schwedische Asylsystem“: Auf einer Pressekonferenz hatte Löfven mit seiner Stellvertreterin eine weitere Ausweitung der Grenzkontrollen angekündigt.
          „Wir brauchen eine Atempause für das schwedische Asylsystem“: Auf einer Pressekonferenz hatte Löfven mit seiner Stellvertreterin eine weitere Ausweitung der Grenzkontrollen angekündigt. : Bild: dpa

          Borr arbeitet eigentlich in Stockholm, vor ein paar Wochen wurde er nach Malmö geschickt. Da hatte die Regierung gerade entschieden, Kontrollen an der Grenze einzuführen. Es war die erste politische Erschütterung, es sollte nicht die letzte bleiben. Borr sagt, er hätte nicht gedacht, hier in Malmö einmal eine schwedische Grenze zu kontrollieren. Aber dann kam die Flüchtlingskrise. „Die politische Landschaft ist ein einziges Chaos“, sagt er. „Die Schweden sind es leid, dass sie nicht mehr die Kontrolle darüber haben, was hier passiert.“ Er sagt: „Schweden hat sich verändert.“

          „Die Situation ist unhaltbar.“

          Es ist etwas passiert im Königreich. Lange haben sich die Schweden in der Rolle der humanitären Großmacht gefallen, Traumziel der Flüchtlinge aus aller Welt. Dann traf die Flüchtlingskrise das Land mit voller Wucht. Immer mehr Menschen kamen nach Schweden, viele von ihnen über die Öresundbrücke nach Malmö. Erst wurden Kontrollen an der Grenze eingeführt, und Polizisten gingen durch die Züge in der Hyllie-Station. Ende November dann stellte sich der sozialdemokatische Ministerpräsident Stefan Löfven in Stockholm vor die Presse und sagte: „Es schmerzt mich zu sagen, dass Schweden nicht mehr in der Lage ist, die hohe Zahl der Asylsuchenden zu akzeptieren, die wir heute sehen.“

          Und: „Die Situation ist unhaltbar.“ Er kündigte eine Ausweitung der Grenzkontrollen an, die Beschränkung des Familiennachzugs und die Ausgabe von nur noch begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen. Er sagte: „Wir brauchen eine Atempause für das schwedische Asylsystem.“ Es war eine Kehrtwende. Neben ihm stand seine Stellvertreterin von den Grünen. Sie kämpfte mit den Tränen.

          Im September fing alles an, drei Monate später ist das Land aufgewühlt, die Diskussion ist schärfer geworden. Die Flüchtlingskrise hat einen Graben aufgerissen: zwischen jenen, die glauben, dass die Kehrtwende der Regierung die letzte Chance ist, um Schweden vor Schlimmerem zu bewahren. Und jenen, die befürchten, dass Schweden genau dadurch Schaden nimmt. Auch in Malmö ist der Graben sichtbar, der Stadt im Zentrum der Krise.

          200.000 Flüchtlinge bis Jahresende?

          Tobias Åkerman hat erlebt, was es bedeutet, im Zentrum der Krise zu stehen. Er arbeitet im Migrationsverket, die Behörde ist für die Erstaufnahme, Registrierung und Verteilung der Flüchtlinge zuständig. Die Zentrale für Südschweden liegt in Malmö, in einem braunen Hausriegel außerhalb des Zentrums, dort, wo die Stadt langsam ausfranst. Auf der Wiese vor dem Haus wehen eine schwedische und ein palästinensische Fahne, die Überreste eines Protestlagers liegen verstreut im Matsch: Stühle, Kaffeetassen, ein Grill. Banner hängen an den Zäunen: „Lieber in Würde sterben als ohne leben.“ Ein paar Wochen lang haben Palästinenser dafür gekämpft, als Asylbewerber anerkannt zu werden. „Das ist noch eine ganz andere Geschichte“, sagt Åkerman.

          Åkerman, wasserstoffblondes Haar und Großstadtbrille, führt durch den Zweckbau, vorbei an den Schaltern für die Anträge, Genehmigungen und für die Abschiebungen und durch die Registrierzimmer mit den Kameras und den Fingerabdrucklesern, die so tief scannen, dass sie selbst verletzte Fingerkuppen erfassen können. Am Eingang des Hauses stehen verwinkelt noch die Absperrzäune aus den schlimmeren Tagen. Den Tagen, als einige Dutzend Flüchtlinge sogar auf der Straße schlafen mussten. Zuletzt sind die Zahlen zurückgegangen. So recht weiß niemand, ob es an den Grenzkontrollen liegt, am Wetter oder an was auch immer. Die Belastung aber bleibt hoch. Åkerman sagt: „Das ist das neue Normal.“

          Anfang September ging alles ganz schnell. Lange hatten sie hier etwa 200 Flüchtlinge am Tag aufgenommen, nun waren es plötzlich bis zu 1800. In ganz Schweden könnten es bis zum Ende des Jahres insgesamt 200.000 Flüchtlinge werden. Das sind pro Kopf mehr als in jedem anderen Land in Europa, Schweden hat knapp zehn Millionen Einwohner.

          Schweden sollte ein besseres Land sein

          Malmö war der Flaschenhals in der Krise, rasch war er verstopft. Immer schwieriger wurde es, Gemeinden zu finden, die Platz für die Flüchtlinge hatten. Oder haben wollten. Überall in das weite Land hat man sie von hier aus verteilt, mit Bussen in Hotels im Norden gebracht, in alte Kasernen, in Provinznester zwischen Wäldern und Seen. „Wir machen, was wir können“, sagt er. „Aber wenn Menschen auf der Straße schlafen, ist klar, dass wir die Sache nicht mehr managen können.“

          Jahresbilanz 2015 : Eine Million Flüchtlinge in Deutschland registriert

          Einen Tag nach der Pressekonferenz in Stockholm besuchte Ministerpräsident Löfven Malmö. Er war in der Messehalle, in der Flüchtlinge für die ersten Stunden, manchmal Tage unterkommen. Åkerman hat ein Video davon gemacht und mit trauriger Musik unterlegt. Löfven schaut ernst, Menschen sitzen aud dem Boden, Kinderzeichnungen hängen an den Wänden. Löfven sei sehr berührt gewesen, sagt Åkerman. Er hat das Video an Kollegen verschickt. Das Land sei so groß, sagt er: „Nicht jeder versteht, was hier passiert.“

          Schweden hat sich nicht immer als humanitäre Großmacht verstanden, Flüchtlinge waren lange nicht willkommen. Erst Mitte des Zweiten Weltkriegs änderte sich das. Später brauchte Schweden Arbeitskräfte und holte sie aus dem Ausland, bis es in den siebziger Jahren zu einer ersten Krise kam und die Arbeitseinwanderung begrenzt wurde. Dafür sollten nun die Flüchtlinge kommen. Die Achtundsechziger-Bewegung hatte die Sozialdemokraten geprägt: Schweden sollte ein besseres Land sein, man empörte sich über Amerika, den Vietnamkrieg, man liebte den Frieden und engagierte sich international.

          Sicherheit und Tradition, statt rassistischer Ausfälle

          Das Selbstbild der humanitären Supermacht nahm Gestalt an. Flüchtlinge kamen aus Lateinamerika, dann auch aus dem Nahen Osten, später aus Somalia, Jugoslawien. Lange ging das gut. Doch dann wurde die Arbeit knapp, es entstanden Problemviertel. Doch wirklich offen wurde darüber nicht geredet. Genau das half schließlich der einzigen Partei, die nur darüber reden wollte. Und wenn man den Ortsvorsitzenden der Schwedendemokraten in Malmö fragt, worin er seine Aufgabe sieht, dann sagt Jörgen Grubb: „Ich möchte Schweden retten, das Schweden, wie es war, das Schweden, wie es sein sollte. Das ist meine Mission.“

          Es gibt viele Umfragen in Schweden zur Flüchtlingskrise. Eine zeigt zum Beispiel, dass gut 50 Prozent der Schweden die Kehrtwende der Regierung notwendig fanden, weitere 25 glauben, sie reiche nicht aus, und fast 70 Prozent sagen, sie sei zu spät gekommen. Kaum eine Umfrage aber hat in den letzten Wochen so viel Aufmerksamkeit erregt wie die Wahlumfrage einer Gratiszeitung. Sie sah die Schwedendemokraten bei 25,2 Prozent. „Jetzt sind Schwedendemokraten die größte Partei Schwedens“ war die Schlagzeile. In Malmö haben die Schwedendemokraten gleich mehrere Abzüge der Titelseite in ihrem Büro im „Stadshuset“ aufgehängt. Ein Exemplar haben sie sogar rahmen lassen, der Parteivorsitzende hat es signiert.

          Grubb ist Anfang 50, in der Partei ist er schon lange. Er hat erlebt, wie damit begonnen wurde, die rassistischen Wurzeln zu kappen. Stattdessen geben sich die Schwedendemokraten jetzt bieder, Sicherheit und Tradition sind ihre Schlagworte. Einwanderung ist ihr wichtigstes Thema. 2010 haben sie es so zum ersten Mal in den Reichstag geschafft, 2014 erhielten sie knapp dreizehn Prozent. Doch im Reichstag will niemand mit ihnen zu tun haben.

          Um die 90 Prozent der Bewohner haben ausländische Wurzeln

          Grubb glaubt, dass seine Partei trotzdem Einfluss hat. Bei der Kehrtwende der Regierung habe man das gesehen. Er sagt: „Wegen uns haben die das getan. Weil sie etwas tun mussten. Sie wussten, wir sind die Nummer eins in Schweden.“ Die meisten anderen Umfragen sehen sie allerdings mit etwa 20 Prozent auf dem dritten Platz, hinter den Sozialdemokraten und den bürgerlichen „Moderaten“. Grubb ist schmal, hat graue Strähnen im Haar und Augenringe. Er sitzt im Büro mit ein paar Parteifreunden zusammen, sie erzählen von Malmö, wie es einmal war und was daraus geworden ist.

          Die Arbeiterstadt, mit mehr als 300.000 Einwohnern die drittgrößte in Schweden, die von der Werft lebte und nach deren Tod mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Die Stadt, die zwar neue Vorzeigeviertel am Hafen oder bei der Hyllie-Station hat, aber immer wieder wegen des Viertels Rosengård, wo Wohnblock eng an Wohnblock steht, in die Schlagzeilen gerät. Es war eines der ersten Problemviertel in Schweden, um die 90 Prozent der Bewohner haben ausländische Wurzeln – Flüchtlinge und Einwanderer dürfen selbst entscheiden, wohin sie ziehen, also zogen sie oft dahin, wo schon ihre Verwandten und Freunde waren.

          Sie reden über Kriminalität, den Schwarzmarkt und Schulden. Und sie reden über die Einwanderer, über verschiedene Kulturen und Denkweisen: „Im Nahen Osten oder auch in Afrika gibt es so viele Krisen, die können das Wort Demokratie nicht einmal buchstabieren. Das ändert sich nicht einfach, wenn sie hier in Schweden sind.“ „Die Situation in Malmö ist seit vielen Jahren schon schlecht“, sagt Grubb. „Nur wurde es in den letzten Monaten für alle sichtbar.“

          „Die einen möchten nicht in unserem Schweden leben und wir nicht in ihrem.“

          Ein Parteifreund erzählt auch von dem Schweden seiner Kindheit, von einem Städtchen an der Ostsee, wo kleine Häuser in Reih und Glied stehen. Alle seien nett zueinander gewesen, es war ruhig, und es gab keine Kriminalität. „Es war wie das alte Schweden, als du die Haustüren nicht abschließen und das Fahrrad nicht anketten musstest“, sagt er. Doch schon wenn er in die nächste größere Stadt gefahren ist, sah er ein anderes Schweden. Es hat ihm nicht gefallen.

          Wenn die Züge aus Dänemark in der Hyllie-Station, der ersten auf schwedischem Boden, ankommen, kontrolliert die Polizei die Ausweise.
          Wenn die Züge aus Dänemark in der Hyllie-Station, der ersten auf schwedischem Boden, ankommen, kontrolliert die Polizei die Ausweise. : Bild: dpa

          Grubb hält vom schwedischen Selbstbild als humanitäre Großmacht nicht viel. Er sagt: „Das ist nur ein Traum, der Traum, dass du allein der ganzen Welt helfen kannst.“ Er erzählt davon, wie in den letzten Monaten die Polarisierung in der Gesellschaft zugenommen habe. Selbst seine Frau habe das zu spüren bekommen, weil sie eben seine Frau sei. Ein Parteifreund erzählt von Freunden, die nicht mehr mit ihm reden wollten. Manche ihn nicht einmal mehr ansehen.

          „Ich habe manchmal das Gefühl, das es zwei schwedische Völker in Schweden gibt, zwei Arten, schwedisch zu sein“, sagt Mattias Karlsson. Er hat seine Karriere in der Partei einst in Malmö begonnen, nun ist er Fraktionsvorsitzender im Schwedischen Reichstag, sitzt in seinem Büro und sagt: „Die einen möchten nicht in unserem Schweden leben und wir nicht in ihrem.“

          In Malmö trifft man überall Menschen, die nicht in einem Schweden der Schwedendemokraten leben möchten. Unter gar keinen Umständen. Im „Kontrapunkt“ zum Beispiel, einem linken Treffpunkt in einem Flachbau – das Logo ein Kreis aus gestreckten Fäusten –, wo sie sich seit September nur noch um Flüchtlinge kümmern, ihnen Essen geben, einen Platz zum Schlafen und wo die Koordinatoren Sätze sagen wie: „Überall in Schweden wollen Menschen helfen, egal wohin man schaut“ und „Wenn die führenden Politiker des Landes sagen: ,Wir können nicht mehr‘, dann geht natürlich auch die ganze Debatte nur noch in diese Richtung. Und irgendwann denken die Leute tatsächlich: ,Wir schaffen es nicht.‘ Das ist ein Problem.“ Oder wenn man einfach nur aus dem Büro der Schwedendemokraten im „Stadshus“ tritt, ein paar Meter den Flur entlanggeht und schließlich im Büro von Nils Karlsson landet.

          Viele Gerüchte ziehen durch das Land

          Er ist von den Grünen und als stellvertretender Bürgermeister von Malmö verantwortlich für Demokratie, Gleichheit und Menschenrechte. Die Schwedendemokraten bezeichnet er als die „organisierten Rassisten“. Karlsson trägt einen Fünftagebart, ein grüner Pullunder spannt über seinem mächtigen Bauch: „Es gibt kein realistisches Selbstbild. Das war ein bisschen aufgeblasen. Denn wenn dein Selbstbild keine ernsthafte Prüfung übersteht, dann war es wohl falsch.“ Nachdem die Regierung die asylpolitische Kehrtwende verkündet hat, kritisierte Karlsson das offen. „Die Kehrtwende ist schlecht“, sagt er. „Alle Punkte, so ein Schweden will ich nicht sehen.“ Seine Parteiführung rief ihn an. Er bekam nicht nur Kritik zu hören.

          Vor allem bei den Grünen ist die Stimmung gereizt, die offene Asylpolitik gehört zu ihrem Markenkern. Deswegen ist Karlsson einst der Partei beigetreten. Wenige Tage zuvor sind die Grünen in Malmö zusammengekommen, um über die Kehrtwende zu diskutieren, viele Mitglieder waren frustriert. Nach der Diskussion sei die Stimmung ein wenig besser gewesen, sagt Karlsson. Man sei sich einig gewesen, die Asylpolitik so schnell wie möglich wieder generös zu gestalten.

          Also die Kehrtwende nach der Kehrtwende anzustreben. Doch dann kam der nächste Tag und mit ihm neuer Frust. Viele Gerüchte ziehen durch das Land, noch ist nicht klar, was alles geändert werden soll. Meldungen gab es, dass die Regierung notfalls die Öresundbrücke wegen der Flüchtlingskrise schließen wolle. „Das ist so dumm“, sagt Karlsson. Ein paar Tage später wird dieser Plan zurückgezogen.

          „Es gibt ein Gefühl in Schweden, eine Furcht vor zu vielen Flüchtlingen, sie ist unbegründet“, sagt er. „Die Parteien reagieren unterschiedlich darauf. Vor allem aber ist da die Angst, Wähler an die Schwedendemokraten zu verlieren.“ Die Grünen haben in den Umfragen verloren, sie liegen nur noch bei knapp sechs Prozent. Auch für die Sozialdemokraten ging es abwärts. Trotzdem sagt er: „Wir in Malmö haben die meiste Arbeit übernommen. Wenn wir das schaffen, ist es merkwürdig, wenn einige kleine Städte mit ein paar Flüchtlingen das nicht können.“ Und: „Ich glaube absolut, dass Schweden mehr leisten kann. Wir sind ein sehr reiches und großes Land.“

          Ein Provisorium wird durch das nächste ersetzt

          Das freilich sehen nicht einmal alle in der Stadtführung so. Zum Beispiel Carina Nilsson, Sozialdemokratin und ebenfalls stellvertretende Bürgermeisterin, zuständig für Soziales. Sie steht auf einem kleinen Platz am Hauptbahnhof, umringt von Containern, es ist Nachmittag, und die Sonne sinkt. „Die Kehrtwende war notwendig“, sagt sie, „einfach nur wegen der schieren Anzahl“ der Flüchtlinge. In den Containern empfängt die Stadt unbegleitete Minderjährige.

          Vor ein paar Wochen erst wurden sie hier aufgebaut, nun sollen sie wieder abgebaut werden. Ein Provisorium wird durch das nächste ersetzt. „Wir müssen pragmatisch sein“, sagt sie. Innerhalb der Sozialdemokraten ist es recht ruhig geblieben, in Stockholm heißt es, dass auch aus sozialdemokratisch regierten Kommunen um Hilfe gebeten worden sei. „Das ist nur der Anfang“, sagt Nilsson. Zwischen den Containern sind Lichterketten gespannt, der Wind zerrt an ihnen. „Die richtige Herausforderung kommt erst noch.“ Sie meint die Integration.

          Neuhaus am Inn : Flüchtlingsstrom an deutsch-österreichischer Grenze nimmt ab

          Durch die Hyllie-Station zieht wieder ein kalter Wind, es ist dunkel, und bis auf die Polizisten am Gleis ist der Bahnhof nahezu verlassen. Fatma Sadek geht am Gleis entlang, manchmal, erzählt sie, kommt sie her und schaut zu, wie die Polizisten in die Züge gehen und mit Flüchtlingen herauskommen. Auf ihrem Handy hat sie Fotos aus der nahen Messehalle. Ein Baby schläft auf einer Decke auf dem Boden, Betten sind nirgendwo zu sehen. „Das ist ein Drama“, sagt sie.

          Nur Schimpfwörter für neue Linie der Regierung

          Für Fatma Sadek gibt es ein Leben vor der Krise. Und eines danach. In dem Leben vor der Krise war sie vor allem Mutter von drei Kindern, sie kochte und putzte. Dann kam die Krise. Sie war als Helferin vom ersten Tag an dabei am Hauptbahnhof. Es kamen immer mehr Flüchtlinge und immer mehr Schweden, die helfen wollten. Sadek ist 29, die Wimpern schwarz getuscht, die Lippen rot bemalt, ein Kopftuch rahmt ihr Gesicht ein. „In diesen Moment war ich verliebt“, sagt Sadek. „In den Moment, in den Ort, die Stimmung.“

          Mit sieben Jahren kam Sadek selbst als Flüchtling nach Malmö. Sie dachte, Schweden ist so sauber. „Und ich konnte niemanden verstehen, aber es klang so gut in meinen Ohren.“ Sie wuchs in Rosengård auf – „Das war eine Welt und Malmö war eine andere“ – und ist ihrer Kinder wegen aus dem Viertel fortgezogen. In ihrem neuen Leben hilft sie nun Flüchtlingen in der Freizeit und arbeitet bei der Stadt als Betreuerin von unbegleiteten Minderjährigen. Sie ist überzeugt, dass die Schweden helfen, dass sie geben und teilen wollen. Für die Kehrtwende der Regierung hat sie nur Schimpfwörter übrig. „Ich war so stolz und bin so stolz, in Schweden zu sein“, sagt sie. „Nur etwas weniger jetzt.“

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