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Flüchtlingskrise in Schweden : In der Wirklichkeit

Ein Provisorium wird durch das nächste ersetzt

Das freilich sehen nicht einmal alle in der Stadtführung so. Zum Beispiel Carina Nilsson, Sozialdemokratin und ebenfalls stellvertretende Bürgermeisterin, zuständig für Soziales. Sie steht auf einem kleinen Platz am Hauptbahnhof, umringt von Containern, es ist Nachmittag, und die Sonne sinkt. „Die Kehrtwende war notwendig“, sagt sie, „einfach nur wegen der schieren Anzahl“ der Flüchtlinge. In den Containern empfängt die Stadt unbegleitete Minderjährige.

Vor ein paar Wochen erst wurden sie hier aufgebaut, nun sollen sie wieder abgebaut werden. Ein Provisorium wird durch das nächste ersetzt. „Wir müssen pragmatisch sein“, sagt sie. Innerhalb der Sozialdemokraten ist es recht ruhig geblieben, in Stockholm heißt es, dass auch aus sozialdemokratisch regierten Kommunen um Hilfe gebeten worden sei. „Das ist nur der Anfang“, sagt Nilsson. Zwischen den Containern sind Lichterketten gespannt, der Wind zerrt an ihnen. „Die richtige Herausforderung kommt erst noch.“ Sie meint die Integration.

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Durch die Hyllie-Station zieht wieder ein kalter Wind, es ist dunkel, und bis auf die Polizisten am Gleis ist der Bahnhof nahezu verlassen. Fatma Sadek geht am Gleis entlang, manchmal, erzählt sie, kommt sie her und schaut zu, wie die Polizisten in die Züge gehen und mit Flüchtlingen herauskommen. Auf ihrem Handy hat sie Fotos aus der nahen Messehalle. Ein Baby schläft auf einer Decke auf dem Boden, Betten sind nirgendwo zu sehen. „Das ist ein Drama“, sagt sie.

Nur Schimpfwörter für neue Linie der Regierung

Für Fatma Sadek gibt es ein Leben vor der Krise. Und eines danach. In dem Leben vor der Krise war sie vor allem Mutter von drei Kindern, sie kochte und putzte. Dann kam die Krise. Sie war als Helferin vom ersten Tag an dabei am Hauptbahnhof. Es kamen immer mehr Flüchtlinge und immer mehr Schweden, die helfen wollten. Sadek ist 29, die Wimpern schwarz getuscht, die Lippen rot bemalt, ein Kopftuch rahmt ihr Gesicht ein. „In diesen Moment war ich verliebt“, sagt Sadek. „In den Moment, in den Ort, die Stimmung.“

Mit sieben Jahren kam Sadek selbst als Flüchtling nach Malmö. Sie dachte, Schweden ist so sauber. „Und ich konnte niemanden verstehen, aber es klang so gut in meinen Ohren.“ Sie wuchs in Rosengård auf – „Das war eine Welt und Malmö war eine andere“ – und ist ihrer Kinder wegen aus dem Viertel fortgezogen. In ihrem neuen Leben hilft sie nun Flüchtlingen in der Freizeit und arbeitet bei der Stadt als Betreuerin von unbegleiteten Minderjährigen. Sie ist überzeugt, dass die Schweden helfen, dass sie geben und teilen wollen. Für die Kehrtwende der Regierung hat sie nur Schimpfwörter übrig. „Ich war so stolz und bin so stolz, in Schweden zu sein“, sagt sie. „Nur etwas weniger jetzt.“

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