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Flüchtlingskrise in Schweden : In der Wirklichkeit

„Ich habe manchmal das Gefühl, das es zwei schwedische Völker in Schweden gibt, zwei Arten, schwedisch zu sein“, sagt Mattias Karlsson. Er hat seine Karriere in der Partei einst in Malmö begonnen, nun ist er Fraktionsvorsitzender im Schwedischen Reichstag, sitzt in seinem Büro und sagt: „Die einen möchten nicht in unserem Schweden leben und wir nicht in ihrem.“

In Malmö trifft man überall Menschen, die nicht in einem Schweden der Schwedendemokraten leben möchten. Unter gar keinen Umständen. Im „Kontrapunkt“ zum Beispiel, einem linken Treffpunkt in einem Flachbau – das Logo ein Kreis aus gestreckten Fäusten –, wo sie sich seit September nur noch um Flüchtlinge kümmern, ihnen Essen geben, einen Platz zum Schlafen und wo die Koordinatoren Sätze sagen wie: „Überall in Schweden wollen Menschen helfen, egal wohin man schaut“ und „Wenn die führenden Politiker des Landes sagen: ,Wir können nicht mehr‘, dann geht natürlich auch die ganze Debatte nur noch in diese Richtung. Und irgendwann denken die Leute tatsächlich: ,Wir schaffen es nicht.‘ Das ist ein Problem.“ Oder wenn man einfach nur aus dem Büro der Schwedendemokraten im „Stadshus“ tritt, ein paar Meter den Flur entlanggeht und schließlich im Büro von Nils Karlsson landet.

Viele Gerüchte ziehen durch das Land

Er ist von den Grünen und als stellvertretender Bürgermeister von Malmö verantwortlich für Demokratie, Gleichheit und Menschenrechte. Die Schwedendemokraten bezeichnet er als die „organisierten Rassisten“. Karlsson trägt einen Fünftagebart, ein grüner Pullunder spannt über seinem mächtigen Bauch: „Es gibt kein realistisches Selbstbild. Das war ein bisschen aufgeblasen. Denn wenn dein Selbstbild keine ernsthafte Prüfung übersteht, dann war es wohl falsch.“ Nachdem die Regierung die asylpolitische Kehrtwende verkündet hat, kritisierte Karlsson das offen. „Die Kehrtwende ist schlecht“, sagt er. „Alle Punkte, so ein Schweden will ich nicht sehen.“ Seine Parteiführung rief ihn an. Er bekam nicht nur Kritik zu hören.

Vor allem bei den Grünen ist die Stimmung gereizt, die offene Asylpolitik gehört zu ihrem Markenkern. Deswegen ist Karlsson einst der Partei beigetreten. Wenige Tage zuvor sind die Grünen in Malmö zusammengekommen, um über die Kehrtwende zu diskutieren, viele Mitglieder waren frustriert. Nach der Diskussion sei die Stimmung ein wenig besser gewesen, sagt Karlsson. Man sei sich einig gewesen, die Asylpolitik so schnell wie möglich wieder generös zu gestalten.

Also die Kehrtwende nach der Kehrtwende anzustreben. Doch dann kam der nächste Tag und mit ihm neuer Frust. Viele Gerüchte ziehen durch das Land, noch ist nicht klar, was alles geändert werden soll. Meldungen gab es, dass die Regierung notfalls die Öresundbrücke wegen der Flüchtlingskrise schließen wolle. „Das ist so dumm“, sagt Karlsson. Ein paar Tage später wird dieser Plan zurückgezogen.

„Es gibt ein Gefühl in Schweden, eine Furcht vor zu vielen Flüchtlingen, sie ist unbegründet“, sagt er. „Die Parteien reagieren unterschiedlich darauf. Vor allem aber ist da die Angst, Wähler an die Schwedendemokraten zu verlieren.“ Die Grünen haben in den Umfragen verloren, sie liegen nur noch bei knapp sechs Prozent. Auch für die Sozialdemokraten ging es abwärts. Trotzdem sagt er: „Wir in Malmö haben die meiste Arbeit übernommen. Wenn wir das schaffen, ist es merkwürdig, wenn einige kleine Städte mit ein paar Flüchtlingen das nicht können.“ Und: „Ich glaube absolut, dass Schweden mehr leisten kann. Wir sind ein sehr reiches und großes Land.“

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