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Flüchtlingsstrom ebbt ab : Zurück zur Normalität

Flüchtlinge in einem Projekt zur beruflichen Integration in Miesbach in Bayern Bild: dpa

Der Ausnahmezustand, den die Flüchtlingskrise in ganz Deutschland hervorgerufen hat, scheint vorbei zu sein. Der Flüchtlingsstrom ebbt ab, und in vielen Bereichen zeichnen sich feste Strukturen ab, die das Zusammenleben regeln.

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          In wenigen deutschen Gegenden herrscht ein Jahr nach dem großen Zustrom von Flüchtlingen immer noch der Ausnahmezustand. Bautzen in Sachsen etwa, wo die Polizei Straßenschlachten verhindern muss – obwohl der Anteil von Asylbewerbern im Landkreis bei gerade einmal 0,84 Prozent liegt. Dagegen kehrt in Städten und Gemeinden, die in kurzer Zeit Zehntausende Flüchtlinge unterbringen mussten, die Normalität zurück. Vielerorts sind Strukturen entstanden, die funktionieren, die Integration der Flüchtlinge in den Alltag beginnt.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Lage hat sich vor allem entspannt, weil weniger Menschen nach Deutschland kommen. Die Bundespolizei verzeichnete im August die Einreise von 4200 Migranten, davon die Hälfte an der deutsch-österreichischen Grenze – die die einzige ist, an der es feste Grenzkontrollen gibt. Im Januar waren dagegen 65000 Migranten eingereist. Am Münchner Hauptbahnhof erinnert nichts mehr an den Ansturm von vor einem Jahr.

          Das Polizeipräsidium München registriert nur noch eine Handvoll Flüchtlinge am Tag: mal sind es acht, mal bloß zwei. Auch bei der Deutschen Bahn heißt es: „Das Thema ist kein Thema mehr.“ Trotzdem gibt es jetzt ein Team, das jederzeit zusammenkommen und den Einsatz neuer Sonderzüge planen könnte. Auch die Bundesländer halten mögliche neue Notunterkünfte bereit. Nordrhein-Westfalen sieht 10000 Plätze an Orten vor, an denen im Fall des Falles nur schnell die Heizung angestellt werden müsste; weitere 5000 Plätze könnten auf vorbereiteten Freiflächen geschaffen werden.

          Hoher Zuwachs an Berufsintegrationsklassen

          Jetzt sind aber erst einmal Tausende Flüchtlinge aus Notunterkünften ausgezogen. Schüler und Vereinsmitglieder kehren wieder in ihre Turnhallen zurück. In Nordrhein-Westfalen sind alle 75 vom Land als Unterkünfte genutzten Hallen wieder frei – genauso wie 20 in Hessen. Bei Hallen, die von den Städten genutzt werden, sieht das Bild anders aus. In Köln sind noch 24 von ursprünglich 27 belegt, bis Ende Oktober sollen aber drei weitere frei werden, bald danach nochmals drei.

          In Düsseldorf und Stuttgart sind dagegen die jeweils fünf umgewidmeten Hallen wieder frei, in Frankfurt vier von sieben. Und selbst in Berlin, wo es beim Senat für Soziales nur trocken heißt: „Rückkehr zur Normalität – das wäre schön“, sind von ursprünglich 63 Hallen nur noch 43 belegt.

          Nach den Sommerferien sind Tausende Flüchtlingskinder aus Vorbereitungsklassen in normale Klassen gewechselt, allein in Hessen waren es nach Angaben des Kultusministeriums mehr als 2000. Andere Bundesländer erheben diese Zahlen nicht gesondert, berichten aber, dass Zigtausende Kinder in Vorbereitungsklassen untergekommen sind. In Baden-Württemberg besuchten demnach im Juli 40000 Schüler solche Klassen, im Oktober 2015 waren es erst 18000. Bayern verzeichnet einen besonders hohen Zuwachs an sogenannten Berufsintegrationsklassen: Flüchtlinge lernen zwei Jahre lang an einer Berufsschule, um danach schnell auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Voriges Jahr gab es 650 solcher Klassen, jetzt sind es 1100.

          Feste Strukturen auch in medizinischer Versorgung

          Auch in der medizinischen Versorgung weicht die Improvisation festen Strukturen. Die Berliner Uniklinik Charité, deren Mitarbeiter anfangs freiwillig Sonderschichten schoben, hat inzwischen 42 feste Stellen für die Versorgung von Flüchtlingen geschaffen. Drei frühere Standorte zur Erstversorgung wurden geschlossen. Stattdessen gibt es nun eine Ambulanz, die sich vor allem mit komplizierteren, chronischen Erkrankungen beschäftigt, eine psychiatrische Clearingstelle und einen Impf-Shuttle. Größere Ausbrüche von Masern oder Windpocken in Flüchtlingsheimen gab es bisher nicht.

          Der Städte- und Gemeindebund spricht lobend von einer „Vitalisierung der Verwaltungskultur“ und beobachtet eine „neue Outcome-Orientierung“. Ämter, die vorher ihr eigenes Ding machten, sind jetzt wegen der neuen Situation besser vernetzt. Stuttgart hat die für Flüchtlinge zuständigen Mitarbeiter von Jobcentern, Ausländerbehörden und Sozialämtern unter einem Dach zusammengebracht. In Rheine gibt es ein neues „Querschnittsamt Integration“. Bürgermeister tauschen sich auf Flüchtlings-Seminaren aus, Verwaltungsmitarbeiter auf Online-Portalen. Überhaupt hat die Flüchtlingssituation vielerorts zu einem Digitalisierungsschub geführt – so sind zahlreiche Hilfe-Apps entstanden.

          An einigen Stellen helfen auch Flüchtlinge selbst. So beschäftigt die Charité zwei Mitarbeiter, die selbst nach Deutschland geflüchtet sind. In Witten leisten Flüchtlinge digitale Dienste für Familien, und in Hanau erklären Flüchtlinge als Bäderlotsen anderen Flüchtlingen die Regeln in deutschen Schwimmbädern. Eingespielt haben sich auch zahlreiche Patenschaften zwischen Deutschen und Flüchtlingen. An vielen Orten wird berichtet, dass sich die Gemeinschaft der einheimischen Bürger durch die Flüchtlinge belebt. In Stuttgart gibt es das neue Amt eines Integrationsbürgermeisters. Amtsinhaber Werner Wölfle sagt: „Je besser es einem geht, desto mehr pflegt man seinen Gartenzaun. In Notsituationen werden die Zäune eingerissen.“ Der Grünen-Politiker bleibt realistisch: „Die schwierige Aufgabe der Integration kommt jetzt erst.“

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