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Sehnsuchtsort Deutschland III : Rosenwasser, Safran und Henna

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Neuland: Fereshte (rechts) und ihre Mutter Mariam Jafari während ihres ersten Einkaufsbummels in Kassel nach der Flucht aus Afghanistan Bild: Daniel Pilar

Sie sind aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet - überwiegend zu Fuß. Nach der Ankunft in Kassel machen Mutter und Tochter dort ihren ersten Einkaufsbummel.

          „Bitte angurten!“ Fereshde und ihre Mutter schauen fragend aus dem Fond zum Fahrer. „Den Gurt ins Schloss stecken“, sagt der mit einer erläuternden Geste. Fereshde nimmt ihren Gurt und den vom Nebenplatz und will die Gurte vor ihrer Brust kreuzen. Dann versteht sie das System, und es macht „Klick“: Das erste Mal geht es zum Einkaufen in eine große Stadt in Deutschland. Fereshde ist fünfzehn Jahre alt. Im März kam sie mit ihrer Familie, der Mutter, einem kleinen und einem großen Bruder, aus Afghanistan hier an. Der Vater ist gestorben. Bis Ungarn gingen sie zu Fuß. Nachts liefen sie, tags ruhten sie. Einmal am Tag gab es eine Mahlzeit. Nun lebt das Mädchen mit der Familie in einem Zimmer einer früheren Wohnung für Bundeswehrangehörige in Schwarzenborn zwischen Frankfurt und Kassel.

          Die vielen Nachbarn in den anderen Räumen der Wohnung seien alle freundlich. Fereshde spricht gut Deutsch - wenn sie sich traut. Sie lernt es an einer Hauptschule. Für die Schule möchte sie auch einkaufen: Rosenwasser für den Kuchen, Safran für die Küche und Henna samt Stiften für die Körpermalerei. Nachdem die Flüchtlingskinder und ihre Familien schon einmal als Dank für die deutschen Mitschüler und deren Familien gekocht und gebastelt hatten, will die Schule das Projekt mit Hilfe des Rotary-Clubs wiederholen. Neben den Utensilien für das Fest sucht Fereshde auch Kleidung für die Mutter. Die Frau von 40 Jahren fühlt sich in den bunten Strickjacken aus Spenden nicht wohl.

          Geld mit Nähen verdient

          Der erste Weg in der Kasseler Innenstadt führt die Frauen zu einer Kosmetikkette. Nein, Hennastifte habe sie nicht, antwortet die Verkäuferin. Es geht vorbei an einem teuren Juwelier und an Bettlerinnen mit Kopftüchern. In einem Modehaus schauen Mutter und Tochter lange - und sie fühlen. Das Geld für die Flucht haben sie mit Nähen verdient, und Fereshde will Mode entwerfen. Sie bestaunt ein Abendkleid mit Goldapplikationen. „Alles Handarbeit“, sagt sie. Doch „schön, aber falsch“ findet sie das Kleid, nicht nur des Preises wegen, „denn in Afghanistan ist die Kleidung sehr lang.“ Dieses Kleid jedoch ist sehr offen.


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          © Daniel Pilar

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          Auf der Königsstraße geht es weiter Richtung Nordstadt, wo die Migranten leben. In einem Laden stapeln sich Damenschuhe für 5,99 Euro im Eingang. Es gibt lange, hochgeschlossene, dunkle Kleidung, und der Verkäufer trägt einen Turban. Doch Fereshde und die Mutter verlassen das Geschäft rasch wieder. Die Mode sei „zu alt“. Bei „Mona Lisa“ nebenan ist sie sogar „sehr alt“. Bei „Rot“ an einer großen Kreuzung bleibt Fereshde stehen. Das hat sie in der Schule gelernt. In Deutschland gelten Regeln. Auf der anderen Straßenseite steuern die beiden Frauen wie von unsichtbarer Kraft gezogen den „Asamai“-Lebensmittelmarkt an.

          Sein Inhaber, Schabir Ahmadi, spricht Dari, ihre Sprache. Das haben sie von weitem gehört. Der junge Mann wurde in Deutschland geboren, hat Abitur und übernahm vom Vater das Geschäft. Seine Eltern flohen vor 35 Jahren aus Afghanistan. Hier gibt es Rosenwasser, Safran, Henna. Nur keine Kleidung. Ahmadi kennt das Problem. Nach der Ankunft in Deutschland suchten die Frauen etwas in stark gedeckten Farben, für drinnen und draußen und nicht zu freizügig: „Das ist nur für eine kurze Zeit. Die gewöhnen sich um. Das kommt alles mit der Zeit.“

          Beim Warten auf Lahmacun beim Türken schaut Fereshde glücklich: „Es war gut, der Einkauf.“ Sie lacht beim Blick in die Karte. Der Wirt bietet einen Teller „Kassel Spezial“ mit türkischer Kost. Dann rinnen Fereshde wieder die Tränen. Die Mutter zieht ein Taschentuch hervor. Fereshde denkt an den Vater und an die Flucht: „Wir hatten Tage schwer, waren müde und allein.“ Gut an Deutschland sei vor allem die Freiheit. Alle seien frei, auch Katholiken und Protestanten. Später, im türkischen Stern-Markt, strahlt Fereshde wieder. Es gibt Koriander, glatte Petersilie und Pfefferminze. Außerdem wirbt der Metzger mit einem „Halal“. Die Suche nach Kleidung führt die Frauen schließlich in einen Stoffladen. Fereshde wird ihrer Mutter etwas nähen.

          Auf der Rückfahrt im Auto lernt Fereshde deutsch. Sie hat Wörter in ihrem Smartphone notiert, für die sie noch keine Übersetzung fand. Sie bedauert, dass es hier Bettler gibt. Die sähen „cigan“ aus. Warum sie bettelten, obwohl dieses Land einem doch alles gebe? Warum ihr jemand in Kassel einen „Glückspfennig“ geschenkt habe und ob das Fleisch des Türken wirklich „halal“ sei? Müde, sagt Fereshde, sei sie von alldem.

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