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Flüchtlinge in Calais : Weiße Rosen gegen Planierraupen

„Gegen ihre bösartige Welt der Grenzen lasst uns ein Netzwerk der Solidarität und der Kulturen der Offenheit schaffen und lasst uns ihre Zäune niederreißen, überall.“ Zwischen 40 und 50 Aktivisten von „No Borders“ halten sich nach Auskunft der Präfektur des Pas-de-Calais im Lager „Neuer Dschungel“ auf. Am Wochenende seien es oftmals doppelt so viele, so ein Sprecher der Präfektur. Die meisten Aktivisten seien Briten, auch viele Deutsche, Belgier, Niederländer seien darunter.

Vor Gericht in Boulogne-sur-Mer mussten sich vergangenen Mittwoch eine Deutsche und ein Brite wegen Brandstiftung verantworten. Aus Mangel an Beweisen wurden beide No-Border-Aktivisten frei gesprochen. Der Regionalratsvorsitzende für die Region im Norden Frankreichs, Xavier Bertrand (Republikaner), spricht von Anarchisten aus ganz Europa, die dank der Flüchtlingskrise in Calais ihre Zelte aufgeschlagen hätten.

„Entfernung“ der Aktivisten gefordert

Seit 2009 hat „No Borders“ in Calais eine ständige Gruppe. Bertrand verlangt, „diese gefährlichen Agitateure“ des Landes zu verweisen. „No Borders“ habe ein Interesse daran, dass die menschenunwürdigen Zustände im „Neuen Dschungel“ fortdauerten, weil die Organisation auf diese Weise den Unmut gegenüber der französischen Regierung schüren könnten. Auch die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart (Republikaner), fordert, die Aktivisten „zu entfernen“. „Sie indoktrinieren die Migranten und rufen zum Kampf gegen die Polizei auf“, beklagte sich Bouchart.

Am Montag wurde eine Abordnung von Einzelhändlern, Gaststättenbetreibern und Cafébesitzern aus Calais im Elysée-Palast empfangen. Sie wollen die Staatsführung in Paris auf die wirtschaftlichen Nachteile aufmerksam machen, die ihnen aus der Flüchtlingskrise entstanden sind. Die Touristen bleiben aus, allen voran die Engländer.

„Niemand will in der Hochburg der Flüchtlinge Urlaub machen oder einkaufen gehen“, sagte Frédéric Van Gansbeke, der Vorsitzende des Einzelhandelverbandes in Calais. Er erwartet von der Regierung eine großangelegte Tourismusoffensive. „Der Staat darf nicht zulassen, dass wir nur noch für Sympathisanten von ,No Borders‘ attraktiv sind“, sagte Van Gansbeke.

„Unmenschliche Razzien“

In Großbritannien machte die Gruppe das erste Mal von sich reden, als eine Torte im Gesicht des früheren Staatssekretärs für Einwanderung, Phil Woolas, landete. Der Labour-Mann hatte sich im Oktober 2008 für Obergrenzen der Einwanderung ausgesprochen, was eine Sprecherin von „No Borders“ als „rechte Antimigrationspolitik“ bezeichnete. Man habe zur Torte greifen müssen, weil eine verbale Auseinandersetzung mit dem Staatssekretär dessen Thesen legitimiert hätte, argumentierte die Sprecherin.

Schon in den Monaten zuvor war gelegentlich über das „No Borders Network“ berichtet worden. Um die Jahreswende 2007/2008 hatten sich in einigen britischen Städten Aktivisten vor den lokalen Ausländerbehörden angekettet. Sie warfen den Behörden „unmenschliche Razzien“ vor. Beamte würden in der Dunkelheit Türen eintreten und Flüchtlingsfamilien aus ihren Betten reißen. Proteste wurden aus Portishead, Portsmouth, Newcastle und Glasgow gemeldet.

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