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Nato-Einsatz in der Ägäis : Kebab Connection

Auf dem Weg in die Ägäis: Das deutsche Versorgungsschiff „Bonn“ Bild: dpa

Türken und Griechen wollen nach jahrelangem Zank mal etwas Neues ausprobieren: zusammenarbeiten. Die Nato soll aufpassen. Jetzt startet die heikle Mission.

          6 Min.

          Ende Januar warf der griechische Verteidigungsminister einen Kranz aus Lorbeerzweigen über einer winzigen Insel in der Ägäis ab. Panos Kammenos saß in einem Militärhubschrauber, er gedachte dreier Soldaten, die dort ums Leben gekommen waren. Die Männer starben, damit einige griechische Ziegen auf dem Eiland weitergrasen konnten - ungestört von türkischen Soldaten oder gar türkischen Ziegen. Zwanzig Jahre ist das her, die Griechen haben ihre tapferen Helden nicht vergessen. Aber die Türken haben auch ein langes Gedächtnis. Während der Rechtspopulist Kammenos dem Kranz hinterhersah, donnerten zwei türkische Kampfflugzeuge über seinem Kopf durch den Himmel. Kein Zufall, natürlich.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwei Wochen später, Mitte Februar, saßen der griechische und der türkische Verteidigungsminister im Nato-Hauptquartier zusammen. Vier Stunden wurden beide Männer von Ursula von der Leyen bearbeitet, ihrer deutschen Kollegin. Dann, es war schon spät am Abend, wurden sie sich einig. Die Nato entsendet eine Flotte in die Ägäis. Griechen und Türken machen mit. Sie verpflichten sich, gemeinsam gegen Schleuser vorzugehen - in einem Revier, das alle Zeichen einer Erbfeindschaft trägt.

          Man muss in die Geschichte zurücksteigen, um zu verstehen, was der Beschluss für beide Staaten bedeutet und warum dieser Einsatz kein einfacher wird. Also, zurück zu dem winzigen Eiland in der Ägäis!

          Alles begann, als im Dezember 1995 ein türkischer Frachter vor dem Inselchen auf Grund lief. Die Griechen eilten zu Hilfe - der Kapitän lehnte ab. Er sei doch in türkischen Gewässern! Das war keine Privatmeinung, die türkische Regierung übermittelte ihre Auffassung nach Athen. Dort wies man sie postwendend zurück. Bis zu diesem Punkt blieb die Sache unter Diplomaten, die Griechen schleppten den Frachter sogar an die türkische Küste.

          Gekränkte türkische Seele lechzte nach Genugtuung

          Dann aber änderte sich alles, weil eine griechische Zeitung über die Sache berichtete. Der Bürgermeister und ein Priester der nächsten griechischen Insel beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Sie stachen am 26. Januar eine griechische Fahne in den Boden des Eilands. Bauern setzten dort 14 Ziegen aus. Nie zuvor war Imia so dicht besiedelt gewesen - es handelt sich nämlich bloß um zwei unwirtliche Felsen im Meer, jeweils drei Fußballfelder groß.

          Die gekränkte türkische Seele lechzte nach Genugtuung, und die Zeitung „Hürriyet“ erfüllte ihre patriotische Pflicht. Sie ließ ein paar Redakteure per Hubschrauber nach Imia fliegen, nein: nach Kardak - denn so hieß der Ort auf Türkisch. Die Männer rammten anstelle der griechischen Fahne eine türkische in den Boden, die Nation fieberte live am Fernseher mit. Allerdings währte der Glücksrausch keine 24 Stunden.

          Denn ein griechisches Marinekommando wechselte die Fahnen abermals aus, diesmal blieben Kampftaucher zur Bewachung. Daraufhin eilte die türkische Marine herbei und hisste eine Flagge auf dem zweiten, noch jungfräulichen Felsen. Ankara und Athen beschimpften einander, ein Wort gab das andere, und flugs waren die Flotten im Alarmzustand.

          Wieder ruhigere Zeiten für die Ziegen

          Am 30. Januar, vier Tage nach der ersten Beflaggung, waren schon 33 Kriegsschiffe im Großraum Imia aufgefahren. Ein griechisches Schnellboot wehrte einen türkischen Landungsversuch ab. Als es dunkel wurde, setzten die Türken doch noch ihren Fuß auf den heiligen Boden von Kardak. Ein griechischer Marinehubschrauber eilte herbei - er stürzte ins Meer. Da saßen die drei Männer drin, denen Verteidigungsminister Kammenos jüngst seine Ehre erwies.

          War der Hubschrauber abgeschossen worden? Das wäre der erste Schuss gewesen und wohl der Auftakt zur größten Seeschlacht in der Ägäis seit Salamis. Darauf allerdings waren weder Athen noch Ankara erpicht - und so blieb es bei der offiziellen Version eines Unglücks. Für die Ziegen auf Imia brachen wieder ruhigere Zeiten an.

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