https://www.faz.net/-gpf-87itx

München : Deutschlands großer Bahnhof im CSU-Stammland

  • -Aktualisiert am

Ersehntes Ziel München: Flüchtlinge erreichen den Hauptbahnhof Bild: Rainer Meyer

Während die CSU sich mit dem Flüchtlingszustrom noch nicht ganz angefreundet hat, sieht der Empfang am Münchner Bahnhof anders aus. Straff organisiert, effizient und dabei noch freundlich - in der Nacht erlebte unser Autor eine Stimmung, die eher zur Fußball-WM gepasst hätte.

          Nur die CSU ist in der Lage, so konsequent auf Worte ganz andere Taten folgen zu lassen. „So kann's ja nicht weitergehen“, gibt Bayerns Sozialministerin Emilia Müller erkennbar gefordert mit Blick auf die Asylkrise zu Protokoll. Entsetzt von den Entwicklungen der letzten Tage pflichtet ihr CSU-Generalsekretär Scheuer bei, der „massenhafte Zustrom von Flüchtlingen nur nach Deutschland“ müsste gestoppt werden. Dafür legt man sich auch mit der Kanzlerin an.

          Und die CSU-geführte Regierung des Bezirks Oberbayern sorgt derweilen für patriotische Gefühlsausbrüche am Hauptbahnhof, wie man sie dort allenfalls nach Siegen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erlebt: GER-MA-NY, rufen die Flüchtlinge, die von freundlichen Helfern und Polizisten zum Starnberger Flügelbahnhof geleitet werden, und GER-MA-NY schallt es von den wartenden Mengen hinter den Absperrungen zurück. Nur in einem straff organisierten, von Sekundärtugenden geprägten Land ist es möglich, die Ankunft und Verteilungen von über 5000 Flüchtlingen an einem Tag so zu organisieren, dass der Betrieb des Bahnhofs nicht gestört wird, die Flüchtlinge warme Winterkleider bekommen, und geordnet und gut versorgt zu ihren im Neonlicht der großen Stadt funkelnden Reisebussen gelangen. Bayern klagt, Bayern strengt sich an, Bayern funktioniert.

          An der Organisation nichts auszusetzen

          Vergessen sind die Bilder, als München selbst der Notstand in seiner überfüllten Erstaufnahmestelle drohte, und nichts erinnert an die erschütternden Szenen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, oder an den Ostbahnhof in Budapest. Verwaltung, Polizei, Stadt, Hilfsdienste und freiwillige Helfer haben eine Organisation auf die Beine gestellt, an der nichts auszusetzen ist. In einem Zug, der Teilnehmer des inzwischen schon zur Ikone gewordenen Fußmarsches in Ungarn bringt, sind Mitglieder einer syrischen Familie, deren Angehörige sie hinter den Absperrungen erwarten.

          Ersehntes Ziel München: Flüchtlinge erreichen den Hauptbahnhof Bilderstrecke

          Zu gern würden die Ankommenden gleich über die Gitter klettern, aber mit aller Freundlichkeit bittet sie der Übersetzer weiter, und die Familie pflichtet bei: Da in den Bahnhof hinein, sich registrieren lassen, das geht ganz schnell, keine Sorge, man trifft sich nachher, alles wird gut. Niemand hat Angst, die Polizei könnte jemanden festhalten oder gegen seinen Willen in ein Lager stecken. Der Freistaat, in dem die Müllers und Scheuers das Sagen haben, tritt den Beweis an, dass sich die Flüchtlinge in Budapest nicht zu viel von ihm versprochen haben. Sie vertrauen ihm. Sie können sich auf ihn verlassen. Sie spielen mit und machen der Familie keine Schande.

          Vermutlich steht deshalb neben den selbstgemalten Tafeln mit der Aufschrift „Willkommen in München“ in drei Sprachen auch eine mit dem Text „Danke Polizei München – Menschen respektieren“. Mit Herzchen. Weil die Polizei für die Menschen da ist. Der Bahnhof ist voll von Sicherheitskräften, und sie arbeiten reibungslos zusammen: Die Wartezeiten für die Flüchtlinge auf dem Weg zur Erfassung und medizinischen Kontrolle sind minimal. Helfer sorgen dafür, dass die Bahnsteige sauber bleiben, Sanitäter sind sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Das THW bläst Luftballons auf und knotet sie zu Tieren, damit Kinder etwas zum Spielen haben, während ihre Eltern durch die medizinische Untersuchung gehen. Aber oft ist das improvisierte Spielzeug gar nicht nötig: Schon wenn die Flüchtlinge dann die letzten Meter zur Aufnahme gehen, brandet der Applaus auf, und von allen Seiten werden Stofftiere und Süßigkeiten für die Kinder gereicht.

          Organisierter Überfluss

          Es ist genug da, die Spendenbereitschaft der Münchner hat dafür gesorgt, dass ein nicht endender Strom von Obst, Getränken und kleinen Mahlzeiten zu den von der Reise sichtbar strapazierten Menschen gelangt, und der Müll sofort wieder entsorgt wird. Aber trotz des organisierten Überflusses wird auch von normalen Menschen mit Geschenken gewunken, tütenweise haben Münchner Spielsachen herbeigetragen, und so erschöpft, dass sie achtlos daran vorbei laufen würden, sind die wenigsten. Sofort entspinnen sich Gespräche: Was passiert jetzt, wo geht es hin, wie kann man bleiben  - wer hier Verwandte oder Freunde hat, ist nicht begeistert von der Vorstellung, jetzt gleich weiter verlegt zu werden. Für diese Menschen ist, CSU hin, Flüchtlingsstopp her, diese Stadt das Ziel.

          Weitere Themen

          Die erste weibliche EU-Kommissionspräsidentin Video-Seite öffnen

          Von der Leyen gewählt : Die erste weibliche EU-Kommissionspräsidentin

          Es war knapp, aber am Ende hat es gereicht: Ursula von der Leyen erhielt mit 383 von 747 Stimmen äußerst knapp die notwendige Mehrheit im Europaparlament. Dadurch wird sie ab dem 01. November Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident ablösen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.