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Flüchtlinge in Köln : Aus Kandahar in den Karneval

Keine Berührungsängste: Karnevalistinnen bringen dem Afghanen Azad an Weiberfastnacht den Kölner Hochruf „Alaaf“ näher. Samad fotografiert derweil sein neues Outfit. Bild: Daniel Pilar

In ihrer Heimat kann ein Leben schon zerstört und die Familie entehrt sein, wenn nur ein Foto von ihnen gemacht wird. Auf dem Kölner Karneval erleben sie jetzt Knutschorgien auf offener Straße oder landen in Schwulenbars. Mit einer Gruppe Flüchtlinge unterwegs im närrischen Treiben.

          Irgendwie hat der Zufall sie in eine Schwulenbar verschlagen. Zwei ältere Damen mit Clownsperücken hatten das „Hühnerfranz“ empfohlen. Es sei gleich um die Ecke und koste nur einen Euro Eintritt – und die Jungs seien auch ganz lieb. Samad, Azad und Pari ist in diesem Moment alles recht, um dem Kölner Regen zu entfliehen. Zwei Stunden haben die drei afghanischen Flüchtlinge ab 11 Uhr 11 auf dem Heumarkt durchgehalten und sich bereitwillig dem Initiationsritus für Neukölner unterzogen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Azad hat ziemlich schnell begriffen, wie das mit dem „Alaaf“ geht und seiner gequält lächelnden Frau bei jeder Gelegenheit den Arm hochgerissen. Sein erstes Kölsch hat er auf ex getrunken. Pari, die Kosmetikerin aus Kabul – die längste Zeit ihres Lebens hat sie in Teheran verbracht –, hat sich erwartungsvoll schminken lassen und war dann doch etwas enttäuscht, als sie in der Spiegel-App ihres Smartphones nur Schnurrhaare und eine schwarze Kätzchennase erblickte, daneben noch ein Herz, das Azad dazugemalt hat. Und Samad, der Bauunternehmer aus dem afghanischen Kandahar, hat sich noch etwas steif aber beseelt grinsend zu „Viva Colonia“ bei seinem Nachbarn untergehakt. Und nun also das „Hühnerfranz“.

          Auf der Tanzfläche schwankt eine Dragqueen mit blonder Perücke, Federboa und einem grünen Blinklicht auf der Brust zu den Klängen von „Gruppensex im Altersheim“. Sie wirft Azad Handküsschen zu, und er wirft sie begeistert zurück. Inzwischen ist auch Pari ein bisschen aufgetaut und freut sich über den lustigen Mann in der wilden Verkleidung. Dass die Männer hier nicht nur an Weiberfastnacht so rumlaufen, sondern eigentlich das ganze Jahr über, werden die drei Afghanen erst später erfahren.

          Beseelt von der Kraft des Karnevals

          Für sie sind die Dragqueens in diesem Moment Ausdruck eines Gefühls, das sie so in Deutschland noch nicht empfunden haben: Dazugehören. Ob Biene Maja, Captain Cook, Transvestit oder Flüchtling, irgendwie sind hier heute alle gleich. Die Regeln von drinnen und draußen, oben und unten scheinen aufgehoben. Ganz beseelt sind die drei von der Kraft des Karnevals. Integration, heißt es bei Wikipedia, sei der „Einbezug von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen bisher ausgeschlossen (exkludiert) waren“.

          Genau das ist ihnen passiert: „Zum Beispiel das Mädchen vorhin“, sagt Azad, der bis vor kurzem in Teheran auf dem Bau gearbeitet hat. „Die hat uns einfach so diese kleinen Fläschchen mit Schnaps gegeben, obwohl sie uns gar nicht kennt.“ Und ein Typ im Babykostüm hat Pari angesprochen und gefragt, ob er ein Foto von der Gruppe machen soll. „Ganz von selbst, ohne dass wir ihn darum gebeten haben. Dieses Miteinander ist toll.“

          Azad hat sichtlich Freude daran, den lustigen Jecken alles nachzumachen, was sie halt so machen. Wie soll er auch wissen, was an diesem Tag normal ist und was nicht? Als eine der Dragqueens sich vom Türsteher den Eintritts-Stempel auf die Stirn drücken lässt, besteht er darauf, dass das bei ihm auch so gemacht wird. Azad – das heißt übersetzt „frei“, und genauso fühlt er sich heute. „Dankeschön“, ruft er immer wieder – eines der wenigen deutschen Worte, die er schon gelernt hat.

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