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Flüchtlingskrise : Alles, nur nicht wieder in die Türkei

Einst ein Gefängnis, wieder ein Gefängnis: Das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos. Bild: AFP

Am Montag sollen die ersten Migranten an die türkische Küste zurückgeführt werden. Das könnte hässliche Bilder geben, denn der griechische Innenminister schließt „leichte Polizeigewalt“ nicht aus. Ein Besuch im Lager Moria, wo niemand zurück in die Türkei will.

          Moria ist jetzt wieder, was es nie mehr sein sollte. Zur Zeit des konservativen griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras war das Lager wenige Kilometer außerhalb der lesbischen Hauptstadt Mytilini ein Gefängnis gewesen. Auf Lesbos aufgegriffene Migranten wurden hierhergebracht und zum Teil wochenlang hinter Stacheldraht, Zäunen und hohen Mauern weggeschlossen. Samaras fuhr bewusst einen harten Kurs, unbeeindruckt von der Kritik zahlreicher Menschenrechtsorganisationen und europäischer Politiker. Abschreckung war das Ziel. Als er im Januar 2015 abgewählt und Alexis Tsipras Ministerpräsident wurde, wollte dessen Linksbündnis alles anders machen. Zu den ersten Entscheidungen der neuen Regierung gehörte es, Lager wie Moria zu öffnen. Eine linke Regierung sperre nicht Menschen ein, nur weil diese nach einem besseren Leben suchen, hieß es in Athen. Tatsächlich konnte fortan auch in Moria jeder nach Belieben kommen und gehen. Der Stacheldraht, die Mauern, die Zäune – all das sollte nur noch die Erinnerung an eine ferne, böse Zeit sein.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das ist nun ein Jahr und eine Ewigkeit her. „Sie können hier nicht rein,“ sagt der griechische Wachmann dem ausländischen Journalisten, der die Gunst des Augenblicks nutzen und durch das für einen Hilfskonvoi geöffnete Tor in das Lager schlüpfen wollte. Moria ist inzwischen wieder ein Gefängnis. Migranten dürfen hier nicht hinaus, Journalisten nicht hinein. Der Wachmann ist freundlich, lässt aber nicht mit sich handeln – so sei die Anordnung aus Athen. Er schätzt, dass inzwischen etwa 3000 Menschen in Moria festgehalten werden, und an manchen Tagen kämen bis zu 200 hinzu.

          Seit etwa einer Woche sei das Lager jetzt schon geschlossen, bestätigt die Betreiberin der Imbissbude auf der anderen Straßenseite. Sie hatte sich auf ihre Kunden eingestellt – auf einer Tafel werden alle Angebote auch in arabischer und englischer Sprache angepriesen. Fladenbrot, Falafel, „Arabic Pita“, Joghurt. „Die dürfen jetzt nicht mehr raus, aber manche geben Leuten von den Hilfsorganisationen Geld, die dann für sie einkaufen“, sagt sie. Doch mit dem früheren Geschäft ist das offenbar nicht zu vergleichen. Zwei andere Buden neben dem Lagereingang haben schon geschlossen. Die ausländischen Polizisten und die Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex wiegen den Ausfall der Migranten nicht auf. Das Geschäft mit der Krise ist volatil.

          Bienenstockartiges Stimmengewirr

          Von der Landstraße, die an Moria vorbeiführt, geht ein Feldweg ab, der dem Lauf eines von Plastikmüll und anderem Abfall verschmutzten Bachs folgt. Am anderen Ufer steht der äußere Zaun des Lagers, das inzwischen so voll ist, dass selbst an dieser Stelle Migranten Zelte aufgeschlagen haben. Vom Zaun über den Bach bis zum Feldweg sind es drei, vielleicht vier Meter. Eine Verständigung ist möglich, man muss nur ein wenig lauter rufen, um auch das bienenstockartige Stimmengewirr im Lager zu übertönen. Ein Gespräch mit einer Gruppe junger Männer entsteht. Ihr Wortführer spricht passables Englisch, er stellt sich als Marokkaner vor: Youssef, 22 Jahre, abgebrochener Biologiestudent aus Fes.

          Dass ein Marokkaner sich als Marokkaner zu erkennen gibt, ist ungewöhnlich, denn die meisten Migranten aus Marokko wissen natürlich, dass sie mit Angabe dieses Herkunftslands die Aussicht auf eine Anerkennung als Asylant in Deutschland eigentlich schon verspielt haben. Aber das hier ist schließlich kein Interview mit einem Sachbearbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, sondern nur ein unverfängliches Gespräch über einen hohen Zaun hinweg. Es ist dennoch eine seltsame, für beide Seiten unangenehme Situation. Sie erinnert an einen Zoobesuch. Hier der Europäer, der kommen und gehen kann, wann er will. Dort, die Finger am Gitter des Zauns, junge Menschen aus weniger glücklichen Kontinenten, die zwar dreimal täglich eine Mahlzeit erhalten, ansonsten aber nicht wissen, was man mit ihnen vorhat.

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