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Merkel in Afrika : Hoffen auf eine Trendwende

Merkel in Mali: Die Bundeskanzlerin wirbt für mehr Investitionen während ihres Afrikabesuchs. Bild: dpa

Erstmals seit langem sinkt die Zahl der Migranten aus Westafrika. Die Kanzlerin wirbt derweil für ein verstärktes Engagement in den Transitstaaten. Dabei sind massive Zuschüsse im Gespräch.

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          Musa Kamaras Geschichte klingt nach Ausweglosigkeit: Er stammt aus Liberia, verlor seine Familie dort im Bürgerkrieg, ging nach Guinea-Bissau, dann in den Senegal. Mit der Frau, die er dort kennenlernte, machte er sich über Mali und Niger auf den Weg Richtung Libyen. Die Küste des Mittelmeers erreichte er nicht. Seine hochschwangere Frau traute sich den Weg durch die Sahara nicht zu. Nun sitzt das Paar in Niamey, der Hauptstadt Nigers, sie hält die kleine Tochter im Arm, er erzählt sein Schicksal. Angela Merkel hört viele solcher Berichte in der Unterkunft der International Organisation für Migration (IOM).

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Hier erzählen die Gestrandeten ihre persönliche Geschichte, hier trägt auch der Regionaldirektor der IOM seine gesammelten Statistiken vor: fast 3500 Rückkehrer auf den Flüchtlingsrouten haben die vier „Transitzentren“ seiner Organisation in diesem Jahr bisher beherbergt, sie stammten aus allen Länder Westafrikas, aus der Sahelzone ebenso wie aus den Küstenstaaten am Golf von Guinea. Fast alle nannten als Grund ihrer Wanderung entweder „Suche nach Arbeit“ oder „Flucht vor der Armut“. Aber Giuseppe Loprete, der italienische Direktor der Unterkunft berichtet auch, seit September verzeichneten seine Mitarbeiter, die in den Transitstellen weiter nördlich, in Agadez und Dirkou stationiert sind, erstmals eine sinkende Zahl von Migranten, die Richtung Norden ziehen. „Wir hoffen auf eine Trendwende“, sagt Loprete.

          Die Betreuer des Migranten-Hilfswerks stammen teils aus den afrikanischen Transitländern, in denen die Organisation tätig ist, teils aus Europa und Nordamerika. In Niger arbeitet auch die Deutsche Marina Schramm. Sie schildert die Gründe des Scheiterns vieler Rückkehrer: Sie fallen auf dem Weg zur libyschen Küste Milizen in die Hände, werden gefangen und eingesperrt, werden ihres Geldes beraubt, sollen dann außerdem noch mehr Geld bei ihren Familien lockermachen um freizukommen.

          Zuschüsse, Hilfen, Millionensummen

          Viele würden misshandelt: „Wir sehen hier Schusswunden, manchmal auch verbrannte Fußsohlen.“ In Niamey und vor allem in Agadez, dem Nadelöhr auf der westafrikanischen Fluchtroute Richtung Norden, bemüht sich die IOM, solche Schreckensberichte bekannt zu machen. Sie stellt Einheimische an, die als Herolde in die Durchgangslager gehen und die Kunde von Gefahren und Misserfolgen verbreiten sollen, dass sei glaubwürdiger, als wenn weiße Ausländer versuchten, diese Warnungen publik zu machen.

          Hilfsorganisationen wie die IOM beeindrucken die deutsche Bundeskanzlerin genauso, wie sie zuvor schon den deutschen Entwicklungshilfeminister und den deutschen Außenminister beeindruckt haben, die sich beide in den vergangenen Monaten in den Transit-Camps in Niger umsahen. Die Helfer demonstrieren durch ihr Tun nebenbei auch die Umständlichkeit und Schwerfälligkeit staatlicher Hilfsaktionen. Ursprünglich hatte die EU selbst das Ziel, Migrationszentren am Südrand der Sahara einzurichten, die über den gefahrvollen Weg nach Norden aufklären und Flüchtlinge möglichst von der Weiterreise abhalten sollten. Jetzt fördert die EU stattdessen das Budget der IOM, europäische Länder schießen aus ihren eigenen Etats weitere Mittel zu; Deutschland will im nächsten Jahr 10 bis 15 Millionen Euro an die Organisation geben.

          Zuschüsse, Hilfen, Millionensummen führt Angela Merkel auf allen drei Stationen ihrer Reise durch Afrika im Mund, und sie weiß dabei doch, dass die jahrzehntelange klassische Entwicklungshilfe der Europäer, auch Deutschlands, weder die Ausbreitung des islamistischen Terrors im Norden des Kontinents, noch die von Armut getriebene Fluchtbewegung haben verhindern können.

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