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Merkel und die Flüchtlinge : Krieg auf dem Balkan?

Die Kanzlerin greift bei der Verteidigung ihrer Linie in der Flüchtlingskrise zu einem großkalibrigen Argument. Auch ihr Mehrstufenplan enthält freilich Beunruhigendes.

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          In vielen europäischen Staatskanzleien ist schon durchgespielt worden, was geschähe, wenn Deutschland seine Grenzen für die Flüchtlinge schlösse. Die Folge wäre ein Menschenstau vor der bayerischen Grenze und eine Kettenreaktion: Die Transitländer auf der Balkanroute würden dem Beispiel Berlins folgen und ebenfalls ihre Grenzen verriegeln. Vor jedem Zaun entstünden mindestens für einige Zeit Zustände, die die meisten europäischen Politiker als „nicht durchhaltbar“ einschätzen. Merkel nannte jetzt noch einen weiteren Grund, warum solche Maßnahmen für sie nicht in Frage kommen: Sie fürchtet, dass eine derartige Vollbremsung zu militärischen Auseinandersetzungen auf dem westlichen Balkan führen könnte.

          Eine Abkehr von der Politik des Durchwinkens als möglicher Auslöser eines Krieges? Das ist das bislang großkalibrigste Argument, das Merkel zur Verteidigung ihrer Linie vorbrachte. Europa wieder eine Frage von Krieg und Frieden, Merkel doch eine Kohlianerin? Schon auf dem Sondertreffen mit den Balkanstaaten hatte sie kritisiert, dass die Europäer sich abermals wie Schlafwandler verhielten. Nichts aus der Geschichte gelernt, wo doch schon die europäische Urkatastrophe im vergangenen Jahrhundert auf dem Balkan begann? Es ist ein schweres Geschütz, das die Kanzlerin da auffährt. Die Angst vor einem Krieg schlägt zumindest in Deutschland noch jede andere Angst, auch die vor Überlastung und Überfremdung.

          Doch lieb’ Vaterland, magst ruhig sein: Zum Schlimmsten lässt es die Kanzlerin ja nicht kommen. Sie baut weiter auf ihren Mehrstufenplan des Steuerns, Verteilens und Integrierens. Aufgefangen werden soll der durch Zuflüsse aus Afghanistan und Pakistan weiter anschwellende Strom in einem Becken weit vor den deutschen Grenzen, in der Türkei. Erdogan soll die Wacht am Bosporus übernehmen, weil man Griechenland das nicht zutraut. Für diesen Dienst wird der türkische Präsident, der vor Kraft nicht mehr laufen kann, einen hohen Preis verlangen. Die finanziellen, aber auch politischen Folgekosten eines weiter ungebremsten Zustroms von Migranten nach Deutschland und Europa wären freilich weit höher.

          Auch Merkels Plan enthält allerdings Beunruhigendes, und das nicht nur bei einer rein innenpolitischen Betrachtung: Wird er verwirklicht, dann hängen Europas Ruhe und Frieden künftig von zwei Schleusenwärtern ab, die Erdogan und Putin heißen.

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