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Lesbos : Der Papst auf dem Pulverfass

  • -Aktualisiert am

Schon mit seinem Besuch auf Lampedusa im Juli 2013 wollte Franziskus die Menschen aufrütteln. Bild: dpa

Papst Franziskus setzt mit seinem Besuch auf Lesbos wenige Wochen nach der Einigung mit der Türkei ein politisches Signal. Seit seinem letzten Besuch bei Flüchtlingen hat sich nichts geändert.

          Wenn Papst Franziskus an diesem Samstag auf der griechischen Insel Lesbos die etwa 3000 schutzsuchenden Flüchtlinge im dortigen Auffanglager und Hotspot Moria besucht, wird sich wiederholen, was schon im Sommer 2013 auf Italiens Insel Lampedusa geschah. Damals betrauerte der Papst auf seiner ersten Reise nach der Einsetzung mit Migranten und Bürgern der Insel jene, die bei der Überfahrt von Nordafrika nach Europa ertrunken waren.

          „Diese Brüder und Schwestern von uns versuchten, schwierigen Lebensbedingungen zu entkommen, um etwas Sicherheit und Frieden zu finden“, sagte er. Aber sie hätten nur den Tod gefunden. Entrüstet forderte der Papst damals mehr Verständnis und Solidarität in einer Welt der globalisierten Gleichgültigkeit, „wo wir den halbtoten Bruder am Straßenrand sehen und weitergehen.“ Wie damals auf Lampedusa wird der Papst wieder Blumen ins Meer werfen, um der Ertrunkenen zu gedenken; denn offenbar hat sich nichts geändert.

          Es sei kein Zufall, dass der Papst gerade jetzt nach Lesbos komme, knapp vier Wochen nach der Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei zur Rückführung der Flüchtlinge, sagt der katholische Pfarrer von Lesbos, Leo Kiskinis dem Radio Vatikan. Auch wenn Vatikansprecher Federico Lombardi beteuere, dass diese Reise „nicht als politische Stellungnahme zu sehen sei sondern als humanitäre und ökumenische Geste“, so erscheine sie eindeutig als „politisches Signal“.

          Franziskus werde auf Lesbos wie auf Lampedusa zeigen, dass die Flüchtlinge nicht in Kontingenten gezählt werden dürften, sondern „Menschen sind, die Träume haben und Namen tragen“. Wie auf Lampedusa könne der Papst aber auch zeigen, dass die einfachen Menschen auf der Insel diesen Migranten „brüderlich und menschlich“ ihre Türen und Herzen öffneten. „Sie bauen keine Mauern oder Barrieren, sondern hegen die Hoffnung, dass Europa – die Heimat der Menschenrechte – sie auch mit offenen Armen empfängt“, sagte der Pfarrer.

          Mittagessen mit Flüchtlingen teilen

          Ganz so einladend scheint allerdings die Stimmung auf Lesbos nicht zu sein. Der direkte Chef von Pastor Kiskinis, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Griechenlands Frangiskos Papamanlis, wird im päpstlichen „L‘Osservatore Romano“ mit den Worten zitiert, die Lage an der griechischen Küste sei seit dem EU-Türkei-Abkommen keineswegs mehr so friedlich. Der Bischof weist darauf hin, dass immer mehr Bewohner Waffen trügen. Die Menschen seien aufgewühlt und sähen sich gegenüber den von Europa subventionierten Flüchtlingen zurückgesetzt. Gleichwohl sei der griechische Staat viel zu arm, um die Migranten überall menschenwürdig aufzunehmen. Man befürchte mehr Kriminalität. Er erhoffe sich von dem Papstbesuch ein beruhigendes Signal für die Bürger und eine Aufforderung, dass alle Kirchen zusammenstehen müssen.

          Tatsächlich wird der Papst gemeinsam mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus und dem orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. das Mittagessen mit neun ausgewählten Flüchtlingen teilen. Der Papst wolle dabei auch versuchen, die beiden zerstrittenen orthodoxen Kirchenmänner zu versöhnen, hieß es dieser Tage in Rom.

          Das Lager Moria, in das an diesem Samstag nur die drei bischöflichen Ehrengäste und die Vatikanpresse Einlass erhalten werden, wird streng abgesichert. Mit der „Aktion Besen“ versucht die griechische Regierung zudem, alle Flüchtlinge, die nicht im Lager leben, aus dem Straßenbild zu verbannen. Schon kritisiert Bürgermeister Spyros Galinos im Fernsehen: Man wolle offenbar die Probleme der Insel unter den Teppich kehren. Dabei solle doch der Papst die ganze Wahrheit sehen.

          Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, dem eine besondere Nähe zum Papst nachgesagt wird, kritisiert in der Turiner Zeitung „La Stampa“ vor allem die Haltung der österreichischen Regierung. Wien und Europa insgesamt seien „hartherzig“, und das mache ihn traurig. Staaten an der EU-Peripherie wie Griechenland dürften nicht allein gelassen werden. „In einer neuen Form von Heidentum haben wir die Fähigkeit zu Mitleid und Menschlichkeit verloren“, sagte der Kardinal.

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