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Lageso in Berlin : Der Hochmut der Helfer

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Vor dem Eingang des Lageso standen nach dem vermeintlichen Tod eines Flüchtlings schon Kerzen. Bild: dpa

Kritik am Berliner Lageso geht vielen leicht von den Lippen. Doch nach der ungeprüften Verbreitung einer Falschmeldung über einen toten Flüchtling dauert es lange, bis die Protagonisten eigene Fehler zugeben.

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          „Wir haben keinen toten Flüchtling.“ Das teilte am Mittwochabend die Polizei mit. Zweifel an dem Bericht, den die Bürgerinitiative „Moabit hilft“ am Mittwochmorgen – offenbar ungeprüft – von einem der Helfer übernommen und veröffentlicht hatte, waren im Laufe des Tages lauter geworden. Die Polizei hatte lange vergeblich das Gespräch mit dem Mann gesucht, auf dessen dramatische Facebook-Einträge die Geschichte zurückging. Diana Henniges, Sprecherin von „Moabit hilft“ und längst auch Mitarbeiterin der Caritas, die das Management des Platzes vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) übernommen hat, hatte dem Urheber der schlimmen Nachricht ein gutes Leumundszeugnis ausgestellt.

          Der Mann hat offenbar tatsächlich häufiger Flüchtlinge bei sich zu Hause übernachten lassen. Nachdem seine Nachricht über den toten Syrer die Runde gemacht und viele Menschen sich vergeblich um eine Bestätigung bemüht hatten, löschte er seine Facebook-Phantasie, ließ das Telefon läuten und niemanden in die Wohnung – bis er am Ende doch mit der Polizei sprach.

          Der Mann, so die Polizei, sei zunächst „abgetaucht“, habe dann aber zugegeben, dass seine Geschichte vom Syrer, dem das Anstehen vor dem Lageso den Tod gebracht habe, frei erfunden war. Er habe über seine Motive gesprochen, sagte ein Polizeisprecher am Abend im Sender RBB, doch werde man dazu nichts sagen. Eine Straftat habe er nicht begangen. Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte, die Falschmeldung über den am Lageso gestorbenen Flüchtling sei „eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe“.

          Eine Sprecherin von „Moabit hilft“ wies am Mittwoch darauf hin, man habe schon im Oktober davor gewarnt, es könne vor dem Lageso Tote geben. Auch die Caritas hatte damals erklärt: „Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben.“ Wer im Sommer gedacht hatte, die chaotischen Zustände vor dem Lageso wären rasch zu ordnen, sah sich getäuscht: Der ehemalige Polizeipräsident Dieter Glietsch wurde Staatssekretär für Flüchtlingsfragen. Ihm halfen drei Mitarbeiter der Beratungsfirma McKinsey, Schwachstellen im Verwaltungsablauf zu entdecken und künftig zu vermeiden. Einer von ihnen wird das Lageso, das zu einem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten werden soll, kommissarisch leiten. Doch noch immer klappt vieles nicht so, wie es sich ehrenamtliche Helfer, Verwaltungsmitarbeiter und Politiker vorstellen.

          Keine Ehre und kein Amt

          Je weiter man vom Lageso entfernt ist, desto unbefangener spricht es sich vom „Staatsversagen“ und vom andauernden „Skandal“. Doch ist es eine durchaus nicht leicht zu beantwortende Frage, ob die Situation vor dem Lageso als Katastrophe oder als andauernde Herausforderung für Freiwillige und Hauptamtliche anzusehen ist, die nicht leicht und schnell zu bewältigen ist. Die Helfer, aus deren Kreis in der Nacht zum Mittwoch die frei erfundene Geschichte publiziert wurde, sind oft und hoch gelobte Mitarbeiter. Ohne ihre Arbeit, das wissen und rühmen Politiker, wird der großen Zahl von Flüchtlingen nicht zu Unterkunft und Integration zu verhelfen sein.

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