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Flüchtlingslager in Jordanien : Lieber in einem Boot sterben als an Hunger

Vor der Syrien-Konferenz im Februar waren aus Jordanien vermehrt Äußerungen zu hören, die man mit dem Satz „Das Boot ist voll“ umschreiben könnte. „Wir schaffen es nicht mehr“, sagte etwa der jordanische König. Früher oder später werde der „Damm brechen“. Von Regierungsseite ist immer wieder zu hören: Durch die vielen Syrer seien Reformen der vergangenen Jahre in Gefahr. Auch die soziale Stabilität sei bedroht. Tatsächlich hat sich in einigen Städten im Norden die Einwohnerzahl durch den Zuzug syrischer Flüchtlinge fast verdoppelt. Besonders hier ist der Unmut groß. Eine „Konkurrenz der Armen“ fürchten viele.

Wenn der Türkei geholfen wird, warum dann nicht auch Jordanien?

Doch die Flüchtlingskrise ist für die Regierung auch von Nutzen. Anfang des Jahres wurde der Türkei zur Bewältigung der Flüchtlingskrise viel Geld versprochen. Warum dann nicht auch Jordanien? Schließlich stehe das Land mit dem Rücken zu Wand. Die Gunst der Stunde wurde genutzt, nicht mehr nur Unterstützung bei der Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch darüber hinaus zu fordern.

Ein Teil der in London versprochenen 2,1 Milliarden Dollar soll nun direkt in den jordanischen Staatshaushalt fließen. Zudem wurden Handelserleichterungen und Direktinvestitionen versprochen. Bisher allerdings reine Absichtserklärungen.

Doch auch der jordanische Teil der Abmachung bleibt diffus. Amman versprach, immerhin 200 000 Syrern eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Doch die genauen Bedingungen sind unklar.

Im Gespräch erläutert der jordanische Arbeitsminister Nidal Katamine, ausländische Investoren sollten Jobs für Syrer „komplett neu“ schaffen und etwa Fabriken in speziellen „Industriezonen“ aufbauen, in denen dann Syrer arbeiten dürften. Auch soll es Syrern zukünftig erlaubt werden, in bestimmten Branchen tätig zu werden.

Blick auf die Innenstadt von Amman. In der rasant wachsenden Hauptstadt Jordaniens leben mittlerweile mehr als vier Millionen Menschen

Bisher dürfen in Jordaniens stark reglementiertem Arbeitsmarkt, etwa in der Baubranche, nur 50 Prozent der Arbeitnehmer ausländischer Herkunft sein. Zukünftig sollen Syrer zumindest innerhalb dieser Gruppe auch tätig werden dürfen. Das heißt übersetzt, sie konkurrieren dann mit anderen Gastarbeitern, nicht aber mit der jordanischen Bevölkerung. Auch bisher komplett Jordaniern vorbehaltene Arbeitsbereiche sollen für Syrer geöffnet werden. Welche das sein sollen, bleibt unklar.

„Der Druck ist zu groß für Jordanien“

Reicht das angesichts der Not der Flüchtlinge im Land? „Für ein Land, das selbst Entwicklungsland ist und unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, ist das sehr viel“, antwortet der Minister. Außerdem - was tue denn die internationale Staatengemeinschaft? Wer, außer Deutschland, nehme denn Flüchtlinge auf? „Die internationale Gemeinschaft begann die Hitze erst zu spüren, als die Menschen die Grenze überschritten“, sagt Katamine.

Wann der Arbeitsmarkts sukzessive für Syrer geöffnet wird, lässt er offen. „In fünf oder zehn Jahren - das wissen wir nicht“, sagt er. Wie aber sollen die Flüchtling bis dahin überleben?

Jordanien hat die Genfer Flüchtlingskonvention nicht ratifiziert, es muss die syrischen Flüchtlinge also nicht aufnehmen. Sie bekommen auch keinen echten Schutzstatus, sondern werden im Land toleriert. Von Integration spricht hier niemand.

„Was kann das Land schon tun?“, sagt die syrische Frau, die mit ihren vier Kindern auf dem Hausdach in Amman lebt. „Der Druck ist zu groß für Jordanien.“ Anfangs, zu Beginn der Krise vor inzwischen fünf Jahren, seien sie sehr positiv aufgenommen worden. Die Einstellung habe sich geändert, als klargeworden sei, dass all die Menschen bleiben würden. Mittlerweile habe sie kaum noch Kontakt zu Jordaniern. Früher hätten in der Umgebung viele Syrer gelebt. Die meisten seien nun fort.

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