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Flüchtlingslager in Jordanien : Lieber in einem Boot sterben als an Hunger

Stattdessen heißt es, die Syrer bekämen doch eh alles geschenkt. 500 Dollar im Monat, und dann Umsiedlung nach Kanada. Aber so einfach ist es nicht.

Marwan, der 2013 aus Homs nach Jordanien floh, lebt im Erdgeschoss eines Plattenbaus zusammen mit seiner Familie. Acht Personen, unter ihnen Schwiegermutter und Tante, in drei Zimmern. Den vorderen Bereich der Wohnung hat Marwan mit einem Tuch abgesperrt, er dient als Lebensmittelgeschäft.

Kinder klopfen an die Haustür, suchen sich unter dem UV-Licht zwischen Kisten mit Lebensmitteln ein paar Süßigkeiten und reichen ihm einige Münzen. Marwan wurde in Syrien verletzt, er geht an einer Krücke und ist eigenen Angaben zufolge traumatisiert.

Er zeigt eine Tüte voller Medikamente, darunter Psychopharmaka. „Das macht mich ruhiger“, sagt er. Wenn die Behörden ihn beim Arbeiten erwischen, drohen ihm hohe Bußgelder sowie die Einweisung in eines der Flüchtlingslager im Norden des Landes. Etwa nach Zaatari in die karge Gegend nahe der syrischen Grenze, wo niemand hin will, weil dort die Lebensmittelrationen auch kaum reichen und es zudem nicht einmal die Möglichkeit zu illegaler Arbeit gibt.

In dem großen Haus, das sich in einer dünnbesiedelten Gegend am Rande Ammans befindet, wohnen ausschließlich syrische Flüchtlinge. Sie haben körperliche oder seelische Verletzungen erlitten, gelten als besonders schutzbedürftig und wurden von einer jordanischen Organisation ausgewählt.

Sie durften hier kostenlos leben. Mittlerweile hat die Organisation finanzielle Probleme, die Flüchtlinge sollen Miete zahlen. Doch die meisten sind schon verschuldet. Der Ladenbesitzer zeigt einen Zettel, der allen Bewohnern vor drei Monaten unter der Türe durchgeschoben worden sei. Der Mietvertrag wurde nicht erneuert, steht darauf. Mit Zwangsräumung wird gedroht. „Wo sollen wir hin?“, fragt der Mann.

Anfang Februar wurde auf der Londoner Syrien-Konferenz beschlossen, elf Milliarden Dollar zur Lösung der Flüchtlingskrise in Syrien und den Nachbarstaaten bereitzustellen. Deutschland will sich mit 2,3 Milliarden Euro bis 2018 beteiligen. Das Geld fließt in den Schutz von Flüchtlingen, den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt und in eine bessere Gesundheitsversorgung. 2,1 Milliarden Dollar sollen allein nach Jordanien gehen. Ein Teil als Entwicklungshilfe, ein Teil als Haushaltshilfe, ein Teil als Investitionen.

Drachensteigen auf der Zitadelle in Amman

Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat eine „Sonderinitiative“ zur Fluchtursachenbekämpfung entwickelt. Auch in Jordanien werden damit für viel Geld Beschäftigungmaßnahmen für syrische Flüchtlinge aus dem Boden gestampft.

Ihnen soll so eine Perspektive in den Aufnahmeländern in der Krisenregion gegeben werden. Nie wieder sollen Fluchtbewegungen wie jene im Herbst vorkommen.

Faktisch aber kämpfen viele Flüchtlinge in Jordanien immer noch um das nackte Überleben. Eine echte Perspektive haben sie nicht. Auch 2015 gingen rund 900 Millionen Euro Hilfsgelder nach Jordanien. Bei den syrischen Flüchtlingen kam offenbar kaum etwas an.

In Jordanien fürchten nun viele eine Konkurrenz der Armen

Viele der Entwicklungshilfeprojekte haben nun das Ziel, paritätisch sowohl syrischen Flüchtlingen als auch jordanischen Aufnahmekommunen zu helfen. Schließlich wird von jordanischer Seite stets darauf verwiesen, dass die schon äußerst knappen Ressourcen nun auch noch mit den syrischen Flüchtlingen zu teilen seien. So sei etwa die Wasserarmut durch den Zuzug gestiegen. Zudem sei der Tourismus durch die Krise eingebrochen. Finanziell ist Jordanien schon seit Jahren nicht ohne Hilfe aus dem Ausland überlebensfähig. Die Arbeitslosenquote ist hoch, offiziell liegt sie bei 14 Prozent, unter Jugendlichen beträgt sie 20 bis 25 Prozent.

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