https://www.faz.net/-gpf-8ftfk

Flüchtlingslager in Jordanien : Lieber in einem Boot sterben als an Hunger

Die meisten würden sofort gehen, wenn sie denn könnten. Es sei besser, in einem Boot zu sterben als hier an Hunger, sagen viele in Jordanien. Aber mittlerweile gibt es kaum eine Möglichkeit mehr, nach Europa zu gelangen. Der Weg durch Syrien ist lebensgefährlich, die Türkei verlangt mittlerweile Visa für die Einreise per Flugzeug, und die Balkan-Route ist geschlossen. Das weiß hier jeder. Also bleiben sie. Was haben sie schon für eine Wahl?

Mittlerweile gibt es kaum eine Möglichkeit mehr, nach Europa zu gelangen

Mehr als 80 Prozent der registrierten Flüchtlinge leben in Städten. Manche von ihnen bekommen zusätzlich zu den Lebensmittelrationen von den Vereinten Nationen Wohngeld. Das reicht dann für die Miete. Viele aber erhalten keines. Die Voraussetzungen dafür bleiben unklar.

Bis zum November wurden syrische Flüchtlinge zudem kostenlos in Krankenhäusern behandelt - so wie versicherte Jordanier. Dann strich die Regierung diese Leistung. Amman ist gerade bemüht, keinesfalls den Eindruck zu erwecken, die syrischen Flüchtlinge würden besonders behandelt, denn in der jordanischen Bevölkerung wächst der Unmut über sie.

Die Frau, die mit ihren Kindern in der kleinen Wohnung auf dem Haus in Amman wohnt, nahm kürzlich ihre Tochter aus der Schule, damit diese arbeiten kann. „Es ist besser, etwas zu essen zu haben, als zur Schule zu gehen“, sagt sie. Syrische Flüchtlinge erhalten in Jordanien bisher keine Arbeitserlaubnis.

Erwachsenen drohen bei Schwarzarbeit hohe Strafen, daher schicken sie die Kinder vor. 145 000 syrische Kinder gehen in Jordanien zur Schule, rund 85 000 nicht. An der Al-Quds-Schule in Amman treiben Schülerinnen in blauer Uniform in der Mittagshitze auf dem Pausenhof Sport. Der offizielle Sportunterricht wurde gestrichen, da nicht mehr alle Fächer unterrichtet werden können. Die Al-Quds-Schule ist eine der bisher 98 „Doppelschicht-Schulen“ im Land. Hier werden vormittags jordanische und nachmittags syrische Kinder unterrichtet. Auch für jordanische Kinder fallen Unterrichtsstunden weg. Auch sie kommen in Klassen mit bis zu 56 Schülern. Ab dem kommenden Schuljahr soll die Anzahl dieser Schulen verdoppelt werden.

Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze
Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze : Bild: AFP

Aus den vergitterten Klassenzimmern dringen die strengen Rufe der Lehrerinnen. Drinnen sitzt die fünfte Klasse beim Unterricht. Zwei Mädchen in der ersten Reihe links, das eine aus Homs, das andere aus Damaskus. Die Eltern lebten als registrierte Flüchtlinge in Amman, erzählen sie.

Über die Vorgänge in ihrem Heimatland sprächen sie nie mit ihnen. Auch im Fernsehen dürften sie Berichte über Syrien nicht sehen, und wenn man sie fragt, was sie trotzdem mitbekommen, krallen sich ihre Hände unter dem Tisch an das Metallgestell. Fast alle Kinder in der Klasse haben durch den Krieg ein Schuljahr oder sogar mehrere verpasst. Manche fallen aus dem Raster und finden keinen Anschluss mehr.

Ein Drittel der Flüchtlingskinder geht nicht zur Schule

Nach dem Schulabschluss wolle er Syrien wiederaufbauen, ruft ein Junge. In die Schweiz gehen, sagt ein Mädchen. Nach Australien, ein anderes. Studieren werden sie nicht. Für ein Studium zahlen Syrer in Jordanien Gebühren wie andere Ausländer. Umgerechnet bis zu 10 000 Euro jährlich.

Auch arbeiten dürfen sie nach bisherigem Stand nicht. Ein Junge in der Nachbarklasse berichtet, sein Vater sei zum Arbeiten in der Türkei. Andere sagen, ihre Eltern arbeiteten in Amman ab und an als Fahrer oder Elektriker oder in Restaurants. Legal dürfte das nicht sein.

Rund 85 000 Syrer arbeiten nach Regierungsangaben im informellen Sektor. Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher sein. Fragt man in Amman nach Schwarzarbeitern, heißt es etwa, da oben am Kreisverkehr arbeiteten in fast allen kleinen Geschäften Syrer. Dort wird das verneint.

Weitere Themen

Topmeldungen

Städtische Arbeiter überstreichen am 28. April in Sankt Petersburg ein Wandgemälde, das den inhaftierten Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj zeigt.

Das Ende der Freiheiten : Putins Weg in die Repression

Bisher hat Putins Regime keine Anstrengungen unternommen, um Opposition und kritische Medien ganz auszuschalten. Das ändert sich gerade auf dramatische Weise.
Der Spezial-Keller in Bamberg, lange bevor das Coronavirus die Tische leerte.

Öffnung der Gastronomie : Endlich wieder in den Biergarten

Nach sechs Monaten Lockdown dürfen viele Restaurants zumindest ihre Terrassen wieder öffnen. Die Betreiber freuen sich – sie sind aber auch überfordert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.