https://www.faz.net/-gpf-8ili0

Ungarische Transitzone : An der roten Linie

Warten auf Einlass: Migranten campieren an der serbisch-ungarischen Grenze bei Tompa. Bild: Nóra Halász

Ungarn ist für seine harte Haltung in der Flüchtlingsfrage bekannt. Weiterhin gelangen Migranten aber ins Land. Was geschieht mit ihnen?

          6 Min.

          Ostbahnhof Budapest: In der Unterführung hat das UN-Flüchtlingshilfswerk eine kleine Fotoausstellung aufgebaut. Sie zeigt Bilder vom vergangenen Sommer. Menschen, die auf Inseln ankommen, in Züge steigen, vor Grenzen warten, über Gleise und Autobahnen laufen. Die Texte handeln davon, dass Flüchtlinge Menschen sind wie du und ich, die eine Würde und Rechte haben. Symbolträchtig sind die Bildfolien auf Bauzäune gespannt. Die Gitter scheinen im Gegenlicht durch.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          In dieser Unterführung sind vor einem Jahr immer mehr Menschen gestrandet, die sich aus Afrika und Asien über die Türkei, Griechenland und den Balkan auf den Weg gemacht hatten. In ungarische Camps wollten sie nicht. Weiter nach Westen, wohin sie eigentlich wollten, durften sie nicht. Die Zustände rund um die Budapester Bahnhöfe wurden immer ärger. Dann baute die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán ihre Grenzzäune und erließ strenge Strafen für deren Überquerung. Die Migranten, die im Land waren, durften nach Österreich und Deutschland weiterreisen. Später wurde auf Betreiben Österreichs auch die übrige Balkan-Route ab Mazedonien gesperrt. Zu. Dicht.

          So hieß es jedenfalls immer wieder. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. In Wirklichkeit kommen längst wieder jeden Tag hundert bis zweihundert Menschen über Serbien nach Ungarn und über Ungarn nach Österreich – und das ist nur die Zahl der Personen, die von den Behörden bemerkt werden. Scheuen die Durchreisewilligen nicht vor der Drohung zurück, bei illegalem Grenzübertritt bis zu drei Jahre, bei Beschädigung des Zauns sogar bis zu fünf Jahre ins Gefängnis zu kommen? Und was ist mit denen, die durch das Nadelöhr der sogenannten Transitzonen kommen, in denen Ungarn nach wie vor Asylanträge annimmt, um dem Buchstaben nach seinen Verpflichtungen aus der Flüchtlingskonvention und europäischen Dokumenten nachzukommen?

          Niemand wird festgehalten.

          Eine dieser Transitzonen ist am Grenzübergang bei Röszke, neben der Autobahn Budapest-Belgrad. Das Areal ist nach Ungarn hin hoch eingezäunt und wird von Bewaffneten bewacht. Links steht eine vielleicht hundert Meter lange Reihe blau gestrichener Container. Darin werden Asylbegehren angenommen: 15 pro Tag. Anfangs hieß es, die Verfahren sollten auch gleich dort abgewickelt werden. In jeder Transitzone sollen sich 50 Flüchtlinge gleichzeitig aufhalten können. Das für die ungarischen Behörden Praktische an der Idee: Niemand wird festgehalten. Wer will, kann nach Serbien zurückgehen, doch ins Land kommt auch keiner, bis sein Antrag bewilligt wurde. Aber das wird bislang kaum so praktiziert. Knapp 4800 Asylanträge wurden im ersten Halbjahr 2016 an den Transitzonen eingereicht, 3800 Antragsteller hat man in ein Aufnahmezentrum weitertransportiert. Familien mit Minderjährigen, Alte, Kranke und Behinderte würden bevorzugt, heißt es.

          Auf dem Kiesstreifen zwischen den Containern und dem Zaun spielt eine Handvoll Kinder. Eine blonde Polizistin und zwei Soldaten mit Sturmgewehr bauen sich am verriegelten Tor auf und weisen durchs Gitter hindurch die Bitte ab, sich umsehen zu dürfen. Es scheint, als wollten die Behörden nicht, dass man genau hinsehen kann.

          Weitere Themen

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.