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Kritik aus Großbritannien : „Die Deutschen wirken sehr unsympathisch“

„Hippie-Staat, der sich nur von Gefühlen leiten lässt“

Breite Aufmerksamkeit schenken die Briten der Sicherheitsfrage. Oft werden Behörden mit Zahlen und Einschätzungen zitiert, wie viele der Migranten Terrorverdächtige seien. Nach britischer Lesart – gestützt von internationalen Statistiken – sind viele Menschen, die derzeit nach Europa drängen, nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht, sondern verlassen sichere Lager oder Regionen ohne Krieg oder Verfolgung. Deswegen sprechen die meisten Medien nicht von „Flüchtlingen“, sondern von „Migranten“.

Der Deutschland-Freund und künftige Leiter des Berliner Humboldt-Forums Neil MacGregor sieht „Offenheit gegenüber der Welt“ als deutsches Identitätsmerkmal und die „Willkommenskultur“ als spezifischen Ausdruck nationaler Erfahrungen. Nirgendwo in Europa lebten so viele Familien mit lebendigen Flüchtlingserinnerungen (der Jahre 1945/46), und Deutschland begreife seine Geschichte als Auftrag zur Verbesserung, sagte er. In manchen Kreisen ruft die Umarmung der Neuankömmlinge aber auch Kopfschütteln hervor. Als der Polititologe Anthony Glees die Bundesrepublik als „Hippie-Staat, der sich nur von Gefühlen leiten lässt“, bezeichnete, spitzte er eine verbreitete Wahrnehmung zu. Gees sagte sogar, dass die Deutschen entgegen ihrer Selbstwahrnehmung nicht sympathischer, sondern, zumindest auf Briten, „sehr unsympathisch“ wirkten.

Die Kolumnistin Melanie Phillips brachte den Begriff der – frei übersetzt: Tugendprahlerei ins Spiel. Sie beschäftigte sich mit den Konsequenzen der „lemminghaften“ politischen Korrektheit in Deutschland: „Wenn Leute, die ihre Kultur verteidigen wollen, von den liberalen Eliten im Stich gelassen und als Nazis stigmatisiert werden, treibt man sie in die Arme von echten Rassisten und Faschisten.“ In einem Leitartikel der „Times“ wurden brennende Flüchtlingsheime in Deutschland ins Feld geführt, um die britische Regierung aufzufordern, nicht auch „an der Bevölkerung vorbeizuregieren“.

Deutschland, moralischer Zuchtmeister?

Früh problematisierten die britischen Medien, was Glees als „undemokratisches“ Vorgehen Berlins bezeichnete. Der Kolumnist Tim Montgomery wunderte sich über den „Unilateralismus“, mit dem Berlin Verträge wie die von Dublin oder Schengen außer Kraft gesetzt habe. Andere sehen Deutschland gar in der Rolle des moralischen Zuchtmeisters, der die anderen Mitgliedsländer mit einem oktroyierten Quotensystem dauerhaft gegen sich aufbringen werde. Die Unabhängigkeitspartei Ukip warnte davor, dass Deutschlands Nachbarn auch dann von der Massenmigration betroffen sein würden, wenn sie sich, wie das Königreich, weitgehend abschotten: Sobald die Flüchtlinge ein dauerhaftes Bleiberecht erhielten, könnten sie dank der EU-Freizügigkeit ihr Aufenthaltsland selber bestimmen.

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Europa-Freunde blicken besonders besorgt auf die Auswirkungen, die all das auf das EU-Referendum haben könnte. Die „Brexit“-Befürworter reiben sich die Hände. „Es ist klar, dass das Einwanderungsthema das EU-Referendum dominieren wird, und das Grenz-Chaos in Europa macht es für die Briten sogar zu einem noch größeren Thema, als es das schon gewesen ist“, sagte Ukip-Chef Nigel Farage. Die Umfragen scheinen ihm recht zu geben. Seit Beginn der Krise will erstmals die Mehrheit den Ausstieg aus der EU.

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