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Krieg in Syrien : Die verlorenen Söhne von Zabadani

Hoher Blutzoll: Die Hizbullah trägt im Libanon Kämpfer zu Grabe, die jenseits der Grenze in Zabadani getötet wurden. Bild: AFP

Im Zermürbungskampf um den strategisch wichtigen Ort im Westen Syriens mischen längst auch die Hizbullah, Iran und die Türkei mit. Das Ringen um Zabadani zeigt, wie verfahren die Fronten sind. Eine Verhandlungslösung will keiner.

          Was wird noch übrig sein von Zabadani, wenn der Krieg irgendwann vorüber ist? Hunderte Fassbomben, Abertausende Granaten sind auf den Ort niedergegangen, der einmal ein beliebtes Ausflugsziel mit vielen Hotels und Pensionen war. Die Bilder, die aus Zabadani nach außen dringen, zeugen von Zerstörung, zeigen nur noch Trümmer, wo einmal Häuserzeilen standen. Sie zeigen syrische Soldaten und Kämpfer der libanesischen Hizbullah, die Anfang Juli einen Belagerungsring um die Stadt geschlossen hatten. Langsam rücken sie seither in der verwüsteten Stadt vor. Haus für Haus, Ruine für Ruine.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Bilder zeigen eingekesselte Rebellen, die bis zum Ende Widerstand leisten wollen. „Der Belagerungsring ist sehr dicht“, sagt ein Arzt und Aktivist aus der Stadt, der sich inzwischen ins Ausland abgesetzt hat, aber Kontakt zu den Rebellen in der Stadt hält. Es herrsche Mangel an medizinischen Gütern, die Infrastruktur sei vollkommen zerstört. Die Rebellen würden ihr Arsenal mit den erbeuteten Waffen und der Munition getöteter Feinde auffüllen. Das Regime, heißt es, habe Kurznachrichten über das Mobilfunknetz verschickt und die Männer aufgefordert, aufzugeben: „Die Armee kommt, rettet Euch.“ Doch der Arzt glaubt nicht, dass sie weichen werden. „Es sind die Söhne von Zabadani, die dort kämpfen“, sagt er. „Die Männer, die am Anfang an den Protesten teilgenommen haben, die festgenommen und misshandelt wurden, die ihre Familien bei den Bombardements verloren haben.“

          Rebellen und islamistische Miliz kämpfen zusammen

          Zabadani steht emblematisch für die Mutation des Konflikts vom ursprünglich unbewaffneten Aufstand gegen Baschar al Assad zu einem komplizierten Regionalkonflikt, der Syrien zerstört. Es hatte dort zunächst Proteste gegen das Regime gegeben, die Opposition hatte später zu den Waffen gegriffen und Assads Sicherheitskräfte schon 2012 aus der Stadt vertrieben. Aktivisten in der Stadt warben noch für Toleranz, stellten sich noch sektiererischem Hass entgegen, als die Stadt vom Regime beschossen wurde. Die Rebellen in Zabadani schlossen sich später der von der Türkei und Qatar unterstützten, islamistischen Miliz „Ahrar al Scham“ an. Als unabhängige Brigade komme man nicht mehr sehr weit, heißt es von Diplomaten. Inzwischen verhandeln Emissäre von „Ahrar al Scham“ in der Türkei mit Iran über Waffenstillstandsabkommen in Zabadani.

          Zwei Mal gab es daraufhin kurze Feuerpausen. Doch eine andauernde Einigung konnte nie erreicht werden. Zivilisten werden beschossen, weil so Druck auf die Feinde ausgeübt werden kann. Der Kampf um Zabadani ist in der Wahrnehmung der Oppositionellen zu einem Kampf zwischen Sunniten und Schiiten geworden. Die mit Iran verbündete schiitische Hizbullah aus dem benachbarten Libanon entrichtet in Zabadani einen hohen Blutzoll, weil sie die Assad-Gegner um jeden Preis aus dem strategisch wichtigen Ort verdrängen will.

          Zabadani liegt nordwestlich der syrischen Hauptstadt, im hügeligen Grenzland zum Libanon. Eine Rebellenpräsenz dort durchkreuzt die Pläne des Assad-Regimes, die Hauptstadt und die umliegende Region wie eine Trutzburg zu sichern. Die Hizbullah will die Rebellen aus zwei anderen Gründen aus Zabadani vertreiben: Zum einen war der Ort ein wichtiges Drehkreuz auf jener Route, auf der Iran die Hizbullah vor dem Syrien-Krieg mit Waffen versorgte. Zum anderen will die Schiitenorganisation ihre sunnitischen Widersacher auch auf syrischer Seite aus dem bergigen Grenzland vertrieben wissen. „Die Hizbullah will den Kampf um Zabadani ein für alle Mal entscheiden“, sagt ein Beobachter in Damaskus. Die Organisation wolle ihr Hinterland in Sicherheit wissen, ohne die Grenzregionen mit vielen Männern sichern zu müssen. Auch die inzwischen kampferprobte Schiitenmiliz werde durch den Syrienkrieg ausgezehrt, und eine Besatzung oder Sicherung würde viele Milizionäre binden, die an anderen Fronten gebraucht würden.

          Zwei Dutzend Kämpfer für ein Haus

          Doch auch der Kampf um Zabadani kostet Männer. Die Rebellen sind schwer zu besiegen, denn sie kennen sich aus in der Stadt und haben Tunnel gegraben. Erst am Montag wurde auf syrischen Nachrichtenseiten wieder von einem Überraschungsangriff auf Assads Soldaten und Hizbullah-Kämpfer berichtet. Sprengfallen, Heckenschützen – es sind Guerrilla-Techniken, die der Hizbullah gut bekannt sein dürften, denn so ging die Organisation einst gegen die israelischen Besatzer vor. Militärfachleute schätzen, dass im Häuserkampf etwa zwei Dutzend Mann gebraucht werden, um ein einziges Gebäude freizukämpfen.

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          Das Assad-Regime scheint aber nicht bereit zu sein, seine Anstrengung am Boden maßgeblich zu verstärken. Die Armee beschießt den Ort lieber aus sicherer Entfernung, wirft weiter die geächteten Fassbomben über der Stadt ab, mit denen man leicht ein ganzes Haus in Schutt und Asche legen kann. Assads Streitkräfte verlegen sich in Zabadani auf eine Taktik, die sie auch andernorts schon anwenden: Den Beschuss von Zivilisten, um die Feinde zu bestrafen.

          Mitte August wurde das Dorf Madaya von den Belagerungskräften beschossen. Es ist ein Dorf in der Nähe von Zabadani, in dem viele der Familien der in der Stadt eingeschlossenen Kämpfer leben. Und einiges deutet darauf hin, dass die Angehörigen der Rebellen zuvor mit Zwang in den Ort gebracht worden waren. Für die Rebellen steht nicht zuletzt aus diesem Grund fest, dass es dem Regime und der Hizbullah um mehr geht, als nur um die Vertreibung der bewaffneten Assad-Gegner. Es gehe darum, die Demographie der Region zu verändern, sagt der Arzt und Aktivist aus der Stadt. Konkret meint er damit wohl, dass sie versuchten, die Gegend von Sunniten „zu säubern“, wie es ein Sprecher von „Ahrar al Scham“ bezeichnet.

          Gespräche zu Feuerpause scheiterten

          Angesichts der erbitterten Kämpfe sei es schon bemerkenswert, dass es zweimal gelungen sei, sich auf eine Feuerpause zu einigen, sagen Diplomaten. Zuletzt war Mitte August verhandelt worden. In den Gesprächen, an denen nach übereinstimmenden Berichten Damaskus gar nicht beteiligt war, ging es nicht nur um das Schicksal des einstigen Ausflugsortes. Es wurde ebenso über zwei schiitische Dörfer in der nordsyrischen Provinz Idlib verhandelt, die seit Monaten von islamistischen, sunnitischen Rebellen eingekreist sind und nun regelmäßig mit Mörsergranaten beschossen werden: Foua und Kefraya. Zehntausende Schiiten sollten sich aus dem Islamistenkessel in die vom Regime kontrollierten Teile des Landes zurückziehen dürfen, im Gegenzug sollten die Rebellen aus Zabadani freies Geleit erhalten. Doch die Gespräche scheiterten.

          Über die Gründe gibt es verschiedene Angaben. Eine Erklärung, die sowohl von neutralen Beobachtern als auch aus den Reihen der Rebellen zu hören ist, lautet, dass Damaskus den Deal platzen ließ. Ein Beobachter in Damaskus berichtet, dass zusätzlich Gefangene des Regimes in die Freiheit entlassen werden sollten, weil die Zahl der Rebellen in Zabadani geringer sei als die Zahl der in den schiitischen Dörfern eingekesselten Zivilisten. Doch das Assad-Regime, in dem es ohnehin Widerstand gegen die Abhängigkeit von Iran gebe, habe sich quergestellt.

          Für Leute wie den Arzt und Aktivisten aus Zabadani ist hingegen ausgemacht, dass auch die Iraner keine Verhandlungslösung wollen. „Sie wollen Zabadani“, sagt er. Und welche Garantie gebe es schon, dass die Zivilisten in die Stadt zurückkehren dürften, wenn die Rebellen abgezogen seien. Also seien die Söhne von Zabadani zum Ausharren verdammt. „Ich weiß nicht, was der Plan ist, wenn sie gezwungen sind, aufzugeben“, sagt der Arzt. „Vielleicht spart sich jeder eine Kugel auf.“

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