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Krawall gegen Asylbewerberheim : Das Fanal von Geldermalsen

Polizisten stehen Demonstranten gegenüber, nachdem während einer Gemeindeversammlung die Planung eines Flüchtlingslagers für 1500 Personen bekannt gegeben wurde. Bild: AFP

Eine Demonstration gegen eine geplante Asylbewerberunterkunft in den Niederlanden ist in Gewalt umgeschlagen. Die Polizei ist von der Brutalität des Angriffs „geschockt“ – und fürchtet Nachahmer.

          Bilder randalierender ausländerfeindlicher Demonstranten kannten die Niederländer bisher nur aus dem Fernsehen – aus Deutschland. Nur selten, wie bei einer Demonstration des niederländischen Pegida-Ablegers Mitte Oktober in Utrecht, kommt es auch bei ihnen zu Ausschreitungen. Seit diesem Donnerstag hat sich das geändert: In dem knapp 30 Kilometer südlich von Utrecht gelegenen Städtchen Geldermalsen ist am Mittwochabend eine Demonstration gegen die dort geplante Unterbringung von 1500 Asylbewerbern komplett aus dem Ruder gelaufen. Gewalttätige Demonstranten bewarfen das Rathaus, wo gerade der Stadtrat in Anwesenheit zahlreicher Einwohner über die Pläne beriet, mit Steinen, Feuerwerkskörpern, Büchsen und Flaschen. Die Sitzung wurde abgebrochen.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Zuvor hatte die Polizei vergeblich versucht, die Demonstranten mit Warnschüssen in die Luft am Betreten des Gebäudes zu hindern. Vierzehn Demonstranten wurden noch in der Nacht festgenommen, zwei Polizisten und mehrere Demonstranten verletzt. Auf einer Pressekonferenz an diesem Donnerstag überraschte der Leiter des örtlichen Polizeibezirks, Lute Nieuwerth, dann mit der Feststellung, dass es sich bei den festgenommen 14 Demonstranten ausschließlich um Bewohner der Gemeinde handele. Für Berichte, wonach sich auch eine Reihe Demonstranten aus Rotterdam und Den Haag unter die Demonstranten gemischt habe, lägen ihm keine Belege vor, sagte der Polizeichef.

          Abgestimmtes Vorgehen beim Angriff auf die Polizei

          Nieuwerth zeigte sich „geschockt durch den brutalen Angriff“ vor dem Rathaus: „Die Randalierer gingen gruppenweise, als ob es abgesprochen war, überraschend und direkt zum Angriff auf die Polizei über.“ Insgesamt seien rund 500 Demonstranten vor dem Rathaus gewesen, von denen kleinere Gruppen, zunächst 20 bis 30, später 70 bis 80 Leute, gleichzeitig auf die Absperrungen zugestürmt seien.

          Polizisten stehen Demonstranten gegenüber, nachdem während einer Gemeindeversammlung die Planung eines Flüchtlingslagers für 1500 Personen bekannt gegeben wurde.

          Miranda de Vries, die sozialdemokratische Bürgermeisterin des 10.500 Einwohner zählenden Städtchens, hatte sich schon in der Nacht entsetzt geäußert. Über den Kurznachrichtendienst Twitter hatte sie gemeldet: „Jeder im Ratssaal ist in Sicherheit. Und dann wird gesagt, dass man Angst vor Asylbewerbern hat. Ich bin durch und durch traurig“.

          Am Donnerstag sagte sie voller Verbitterung, dass die gewalttätigen Übergriffe die Spaltung der Bewohner im Streit um das Asylzentrum nur noch vergrößern werde. Obwohl die knapp 17 Millionen Einwohner zählenden Niederlande deutlich weniger Asylbewerber als das fast viermal so bevölkerungsreiche Deutschland anziehen, bereitet der Zustrom von Flüchtlingen auch der Haager Politik erhebliches Kopfzerbrechen. Mehr als eine Million Flüchtlinge hat Deutschland in diesem Jahr bisher aufgenommen, die Niederlande dagegen 52.500, davon knapp die Hälfte aus Syrien.

          Wilders: Testosteronbomben verunsichern Mädchen

          Die Haager Koalition aus den Rechtsliberalen (VVD) des Ministerpräsidenten Mark Rutte und den Sozialdemokraten steht allerdings unter erheblichem politischen Druck, zumal die „Partei für die Freiheit“  (PVV) des Rechtspopulisten Geert Wilders zuletzt einen demoskopischen Höhenflug erlebte. Schon Mitte September hatte Wilders im Parlament gegen den „Asyl-Tsunami“ und die Pläne für zusätzliche Flüchtlingsheime gewettert: „Die  Niederlanden sind mit einem islamistischen Völkerumzug konfrontiert.“ Das sei alles nur der Anfang; außerdem befänden sich unter den Migranten Dutzende Terroristen. Für besonders großen Unmut im Parlament sorgte Wilders Feststellung:  „Mädchen fühlen sich unsicher durch die Testeronbomben, die Rutte importiert.“

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