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Gaucks Rede : Zuversicht allein reicht nicht

Wieder zurück in der Schule: Bundespräsident Joachim Gauck besuchte Mitte Juni Flüchtlinge, die in Gießen Deutsch lernen. Bild: dpa

Der Bundespräsident appelliert in der Flüchtlingskrise an Herz und Verstand der Deutschen. Deutschland sei ein „Land der Zuversicht“, sagt Gauck. Es wäre gut, wenn man es auch wieder ein Land der politischen Vernunft nennen könnte.

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          Den Ruf des Herzens in der Flüchtlingskrise hat natürlich auch der Bundespräsident nicht überhören können und wollen. Doch kam in seiner Rede auch die Stimme der Vernunft zu Wort: „Wenn wir Probleme benennen und Schwierigkeiten aufzählen, so soll das nicht unser Mitgefühl – unser Herz – schwächen. Es soll vielmehr unseren Verstand, unsere politische Ratio aktivieren.“ Diese Aktivierung haben viele Deutsche in der Konfrontation mit dem Flüchtlingsansturm vermisst.

          Zwar entsprang auch Merkels „Wir schaffen das“ einem politischen Kalkül. Doch im Inneren wie in den Außenbeziehungen führte ihre praktizierte Willkommenskultur zu erheblichen Irritationen, die in der zugespitzten Frage gipfelten, ob Deutschland denn zu einem Hippie-Staat geworden sei, nach dem Motto: Make love, not walls.

          Bundespräsident Joachim Gauck während seiner Rede, die er am Sonntag zur Eröffnung der „Interkulturellen Woche“ in Mainz hielt.

          Auch Gauck will schon unserer „politischen DNS“ halber nicht, dass Deutschland sein „weites Herz“ vor dem Elend der Welt verschließt. Doch sagte er ebenfalls, dass die Möglichkeiten zur Aufnahme von Flüchtlingen begrenzt sind. Das ist nicht allein aus materiellen Gründen so. Es kommen nicht nur friedliche, fleißige und integrationswillige Menschen, die sich die Rede Gaucks unter den Gebetsteppich legen werden. Achtzig Prozent der Migranten sind junge Männer, die meisten davon sunnitische Muslime. Wen werden diese Pfadfinder nachholen, und wie werden sie Karriere machen – als Ingenieure oder als Islamisten?

          Die beispiellose Öffnung Deutschlands ist ein epochales Experiment mit Chancen, aber auch mit erheblichen Gefahren für den inneren Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Gauck baut wie die gesamte Politik auf eine möglichst schnelle Integration, die die Fehler der Vergangenheit vermeidet. Davon gab es viele: Leugnung, dass Einwanderung stattfindet; Verzicht auf Steuerung der Immigration; Verzicht auf Integrationsanstrengungen auf beiden Seiten.

          Die Folgen – Parallelgesellschaften, die nach eigenen Gesetzen leben – sind in jeder größeren deutschen Stadt zu besichtigen. Dort wird man kaum die „Brückenbauer“ finden, auf die Gauck setzt. Und doch soll die Integration von Millionen Neuankömmlingen schneller laufen und besser gelingen als je zuvor? Deutschland muss für seine Politiker wohl wirklich ein „Land der Zuversicht“ sein, wie Gauck sagt. Vielen Bürgern dagegen würde das Herz richtig weit werden, könnte man sagen: Es ist auch wieder ein Land der politischen Vernunft.

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