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Kommentar : In der Anstalt

Wenn Deutschland den Schwachen helfen soll, setzt dies eine Auswahl voraus. Aber gezielt ist die Flüchtlingspolitik weiterhin nicht. Deutschland nimmt im Grunde alle auf.

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          Da hat der EKD-Ratsvorsitzende recht: Christen müssen nicht kleinmütig sein - auch nicht im Angesicht von Einwanderern mit anderen Weltanschauungen. Wer sich um die eigene Religion sorgt, sollte sich für sie einsetzen. Aber die Sorgen der Menschen in der Flüchtlingskrise, gerade auch von hier lebenden Ausländern und Deutschen mit ausländischen Wurzeln, betreffen weniger das Zutrauen in den eigenen Glauben; die meisten fürchten auch nicht, dass die Einheimischen bald in der Unterzahl sind (auch wenn das in einigen Gemeinden Wirklichkeit ist). Und sie wollen gern helfen - auch das ist in der Tat Christenpflicht.

          Nein, wenn denn der Staat die biblische Herberge sein soll, dann muss er organisatorisch in der Lage bleiben, diese Aufgabe zu erfüllen. Gerade wenn Deutschland insbesondere den Schwachen helfen soll, setzt dies eine Auswahl, also eine Kontrolle der Flüchtlinge, voraus. Greise, Versehrte, Mütter und Kinder müssten dann absoluten Vorrang haben. Wenn aber die Regierungsvorgabe lautet, Deutschland müsse bunter werden, das Land brauche schon aus demographischen wie wirtschaftlichen Gründen hungrige junge Menschen, dann ist das zunächst einmal Einwanderungspolitik. Aber gezielt ist diese „Politik“, über die bisher der Souverän nicht abgestimmt hat, weiterhin nicht, auch wenn man sich um eine Reduzierung der Flüchtlingszahl bemüht. Während unsere Nachbarn allenfalls Kleinstkontingente handverlesener Migranten in ihre Länder lassen (wollen), nimmt Deutschland weiter im Grunde alle auf.

          Und die Sorge davor muss jeder, egal ob Staats- oder Kirchenmann, genauso anerkennen wie die großartige Hilfsbereitschaft. Humanitärer Einsatz und Skepsis schließen sich ja nicht aus. Und hier kommt dann in der Tat die Verschiedenheit von Kulturen ins Spiel, Sicherheit, die Sorge vor dem Verlust des Gewohnten. Das allein ist gewiss noch keine Identität. Was dann? „Deutschland soll in 25 Jahren ein Land sein, das offen, neugierig, tolerant und spannend ist und eine starke eigene Identität hat“, sagte Kanzlerin Merkel auf dem CDU-Parteitag. Aber ist dieses Land heute tatsächlich so verklemmt, langweilig und auf der Suche nach sich selbst, dass man seine Bewohner einem solchen Experiment aussetzen muss? So wird die Herberge zur Anstalt.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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