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Mobiles Netz : Flüchtlinge im Zeitalter des Smartphones

Das wichtigste Utensil: Junge Frau aus Eritrea in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge in Boizenburg mit ihrem Smartphone Bild: dpa

Heutzutage wandern Flüchtlinge nicht mehr durch den Nebel ins Unbekannte. Heute besitzt so ein Treck Augen und Ohren, Wissen, Informationen. Er ist intelligent. Das liegt an den Smartphones.

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          Man stelle sich vor: Eine gewaltige Menschenmasse, Zehntausende drängen an eine Grenze, und noch Tausende mehr, hinter ihnen, sind auf dem Weg dorthin. Ungarn. Dann wird die Grenze abgeriegelt. Was ist die Folge? Im zwanzigsten Jahrhundert hätte die Antwort gelautet: eine humanitäre Katastrophe. So die etwas verquaste Wortschöpfung dafür, dass Menschen nicht mehr angemessen mit Nahrung, Unterkunft, Medikamenten und Kleidung versorgt sind und deshalb Hunger, Gewalt und Seuchen ausbrechen. Ja, im zwanzigsten Jahrhundert hätte die Antwort gelautet: Jetzt wird gestorben.

          Das ist nicht passiert. Der Grund dafür ist, dass die Flüchtlinge sehr schnell auf die veränderte Lage reagieren konnten. Sie haben sich von der ungarischen Grenze zurückgezogen, neue Wege gesucht und gefunden. Die Nachströmenden haben eine andere Route genommen, über Kroatien. Ein Flüchtlingsstrom im 21. Jahrhundert ist nicht dasselbe wie einer im 20. Jahrhundert. In unseren Tagen wandern Flüchtlinge nicht mehr durch den Nebel ins Unbekannte. Heute besitzt so ein Treck Augen und Ohren, Wissen, Informationen. Er ist intelligent. Das liegt an den Smartphones.

          Der Treck als mobiles soziales Netz

          Der britische Premierminister Cameron hat vor einigen Wochen die Flüchtlinge in Calais als „Schwarm“ bezeichnet und ist für diesen gewöhnlich auf niedere Tiere, nicht auf Menschen gemünzten Begriff heftig gescholten worden. Cameron hat sich mit dem Argument verteidigt, er habe damit nur die große Zahl der Flüchtlinge zum Ausdruck bringen wollen; eine Entschuldigung, die es nicht besser gemacht hat. Im Deutschen spricht man mit Bezug auf soziale Medien von „Schwarmintelligenz“, und in diesem Sinne lässt sich das Wort durchaus anwenden. Ein moderner Flüchtlingstreck ist dank der Smartphones buchstäblich ein mobiles soziales Netz geworden: Das heißt, die Menschen sind nicht nur im Netz unterwegs, sondern das Netz selbst ist es. Innerhalb dieses Netzes können Informationen aller Art in Windeseile ausgetauscht werden. Der Treck kann reagieren. Auch das, nicht nur die Hilfsbereitschaft der deutschen Bundeskanzlerin, hat eine Katastrophe an der ungarischen Grenze verhindert.

          Wieso? Ganz einfach: Smartphones sind Computer, die man mit sich führen kann. Über Telefon, Mail, Nachrichten, Facebook und Twitter kann man mit ihnen kommunizieren. Sie schaffen damit die Möglichkeit zur Assoziation und Synchronisation: Das bedeutet politische Macht. Das einfachste Beispiel ist der „Shitstorm“: wenn plötzlich alle auf einen losgehen. Dazu braucht aber niemand seinen Sessel zu verlassen. Doch in Bewegung funktioniert das auch: Flashmobs, spontane Partys – da sind die Leute schon unterwegs. Und natürlich auch bei Demos bis hin zum Straßenkampf.

          Wie das Smartphone die Politik verändert

          Seit der Markteinführung des iPhones, die zu einer explosionsartigen Verbreitung von Smartphones auf dem gesamten Planeten geführt hat, haben sich die Bedingungen der Politik grundlegend verändert, und zwar ebenfalls auf der ganzen Erde. Nicht dass die alten Konstellationen vergangen wären: etwa der tiefe Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in der muslimischen Welt, die Antagonismen zwischen den unterschiedlichsten Mächten, die geopolitischen Rahmenbedingungen. Aber es ist ein neuer Faktor hinzugetreten: eine nie gekannte Möglichkeit massenhafter, schneller Selbstorganisation. Ohne sie hätte es, ungeachtet aller sonstigen Voraussetzungen, schon den „arabischen Frühling“ nicht gegeben. Auch bei den Trecks ist sie inzwischen vermutlich wirksamer als die Rolle der Schlepper.

          Smartphone einer Helferin am 10. September im Bahnhof von Flensburg: Der Aufruf warnt Flüchtlinge mit dem Ziel Schweden vor der Durchfahrt durch Dänemark.
          Smartphone einer Helferin am 10. September im Bahnhof von Flensburg: Der Aufruf warnt Flüchtlinge mit dem Ziel Schweden vor der Durchfahrt durch Dänemark. : Bild: dpa

          Woher kommen in diesem Jahr die vielen Flüchtlinge auf der Balkanroute? Schließlich dauert die „Völkerwanderung“ schon lange. Etwa der Papstbesuch auf Lampedusa: Das war schon vorletzten Sommer. Auch das furchtbare Morden in Syrien war da längst im Gange. Es gibt natürlich weitere, konkretere Ursachen. Aber eine Erklärung könnte auch der Zug der Kosovo-Albaner nach Deutschland sein. Sie haben wie Pfadfinder gewirkt, seither haben sich Erfolgsmeldungen über diese Route mutmaßlich in den sozialen Netzwerken verbreitet. Und viele andere machten sich auf den Weg: Das sind die Schwarmeffekte des Netzes, das Menschen ermöglicht, ihre Handlungen abzustimmen. Und eben auch ihre Bewegungen.

          Ein Gedankenexperiment: Man könnte jeden Flüchtlingstreck im Nu ins 20. Jahrhundert zurückversetzen, wenn man in seiner Nähe alle Mobilfunkmasten abschaltete. Sofort würde der Zug taub und blind. Warum macht das keiner? Nicht nur weil es der Weg in eine Katastrophe wäre, sondern weil es offensichtlicher Unfug ist. Man braucht schon angemessene Lösungen für die aktuellen Aufgaben. Die muss Europa gemeinsam finden. Dabei helfen Schuldzuweisungen und Schwarzer-Peter-Spiele nicht weiter. Und die Lehre aus den Katastrophen des 20. Jahrhundert steht ganz vorn im Grundgesetz Artikel 1 Absatz 1.

          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

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