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Kommentar : Der verspätete Vielvölkerstaat

Für ihre Reaktion auf das weinende palästinensischen Mädchen Reem Sahwil wurde Angela Merkel noch von vielen Seiten kritisiert. Bild: dpa

Deutschland glaubt, über die Flüchtlinge aus aller Welt zu diskutieren. Tatsächlich ringt es wieder mit sich selbst und alten deutschen Fragen. Auch wenn die „mitfühlende Mutter Merkel“ die Arme ausbreitet: Politik und Wirtschaft sollten sich daran erinnern, dass Einwanderung nicht nur Probleme löst, sondern auch neue schafft.

          Wird Angela Merkel doch noch zu einer Mutter der Nation? Ihre jüngsten, vielgelobten Äußerungen zur Flüchtlingsfrage hatten, zumal für ihre Verhältnisse, Züge einer Rede an (m)ein verunsichertes Volk: Beschwörung deutscher Tugenden, Erinnerung an gemeinsam Bewältigtes, Aufruf zu einer nationalen Kraftanstrengung. Ein starkes Land wie Deutschland, so versicherte die Kanzlerin ihren Bürgern, werde auch mit den jetzt anbrandenden Migrantenwellen fertig.

          Merkel könnte sogar noch zu mehr werden: zu einer Mutter der Nationen. In Syrien wird sie schon als „mitfühlende Mutter Merkel“ gefeiert, weil Berlin die Tore für Flüchtlinge aus dem Schreckensreich Assads weit öffnete. Aber nicht nur vor Kriegen fliehende Menschen betrachten Deutschland als das neue gelobte Land. Auf dem Balkan, in Afrika, Arabien und Asien packen auch in friedlicheren Staaten Menschen ihre Koffer in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder im reichen Deutschland. Es sendet ihnen ermutigende Signale. Deutsche Politik und Wirtschaft wiederholen unermüdlich, dass das alternde Land junge Einwanderer brauche und willkommen heiße. Das verhallte, wie man sieht, nicht ungehört. Nun versprach die Kanzlerin den Umworbenen auch noch, das Ankunftsmanagement zu verbessern, das dem Ansturm nicht mehr gewachsen war. Wenn zur „deutschen Gründlichkeit“ auch noch „deutsche Flexibilität“ komme, dann werde alles gut: „Wir schaffen das.“

          Was ist eine „gerechte“ Verteilung der Flüchtlinge?

          Dieser Satz und diese Politik stehen in scharfem Kontrast zu den abwehrenden und abschreckenden Reden und Taten der anderen europäischen Länder. London und Paris reagieren auf die Flüchtlingswellen nicht mit dem Bau von zusätzlichen Aufnahmeeinrichtungen, sondern mit höheren Zäunen und der Aufstockung ihrer Hundestaffeln. München leuchtet nun auch vor Hilfsbereitschaft - wer will da in Dunkelbudapest bleiben? Allein dieser Gegensatz zeigt, wie schwer es in der Praxis sein wird, zu einer „gerechten“ Verteilung der Flüchtlinge in der EU zu kommen. Deutschland, schon jetzt ein Haus der Nationen, ist auf dem Weg zum Vielvölkerstaat. Das geschleifte Staatsangehörigkeitsrecht macht das auch formell möglich.

          Warum aber erhöhen traditionelle Einwanderungsländer wie Großbritannien, Frankreich, Amerika, Kanada und Australien ihre Dämme, während Deutschland seine Arme ausbreitet? Haben die nicht die Zeichen der Zeit und der Demographie erkannt? Sie haben. Sie wissen aus langjähriger Erfahrung, dass Einwanderung nicht nur zur Lösung von Problemen beiträgt, sondern auch neue Probleme schafft. Daran sollte sich auch ein Staat erinnern, der schon einmal allen Ernstes glauben wollte, man könne Migration präzise steuern und nur die ins Land lassen, die seine Wirtschaft gerade braucht. Und sie danach wieder wegschicken. Doch es kamen (und blieben), wie Max Frisch sagte, nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen, die Deutschland nachhaltig veränderten, nicht immer nur zum Guten, wenn man auf manche Parallelwelten blickt. Einwanderer bringen nicht bloß ihre Kochrezepte mit, sondern auch ihre Weltanschauungen und Konflikte. Auch aus den Kriegsgebieten flüchten nicht nur Pazifisten nach Deutschland. Und selbst Akademiker sind nicht gefeit gegen religiösen Fanatismus.

          Nicht nur die Linke ist den Migranten zugeneigt

          Doch nicht mehr allein die Linke neigt dem Glauben zu, die Migranten aus aller Herren Ländern ließen sich mit etwas Anleitung und viel Willkommenskultur schon zu guten deutschen Verfassungspatrioten machen. Dem deutschen Sozialingenieur ist nach wie vor nichts zu schwer. Noch immer schimmert durch die betont pragmatischen Begründungen, warum Einwanderung nötig sei, ein altes ideologisches Motiv: Sie tue politisch und kulturell gut. Deutschland dürfe ruhig etwas „weniger deutsch“ und „chaotischer“ werden. Wenn es den Deutschen zu gut geht, gehen sie aufs Eis.

          Es scheint so, als wolle die „verspätete Nation“ (Helmuth Plessner) jetzt mit deutschem Eifer auch die Verspätung wettmachen, mit der ihre Republik zum nunmehr bekennenden Einwanderungsland wurde. Aber ist das tatsächlich auch der Wille der Nation? Manche Reaktionen, die nicht in „Dunkeldeutschland“ zu verorten sind, lassen daran zweifeln. Doch breiter Widerstand regt sich bisher nicht dagegen, dass Merkel Deutschland für alle Welt hörbar zu einem stolzen Einwanderungsland erklärte. Es gab auch keinen Einspruch gegen die Einschätzung des Bundespräsidenten, es wäre von Vorteil, „wenn sich noch mehr Menschen als bisher von dem Bild einer Nation lösen, die sehr homogen ist, in der fast alle Menschen Deutsch als Muttersprache haben, überwiegend christlich sind und hellhäutig“. Man müsse, so sagte Gauck dem „General-Anzeiger“, die „Nation neu definieren: als eine Gemeinschaft der Verschiedenen, die allerdings eine gemeinsame Wertebasis zu akzeptieren hat“.

          Deutschland glaubt, über Flüchtlinge zu diskutieren. Tatsächlich redet es wieder über sich selbst. Im Kern der Debatte steht das alte Ringen der Deutschen mit der Idee der Nation und der Frage, wie das Land sein soll, in dem sie leben. Die meisten Migranten, die es in den Staat ihrer Träume schafften, werden wohl erst in den Integrationskursen erfahren, dass zum Deutschsein auch das nachhaltige Zweifeln an sich selbst gehört.

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