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UN-Flüchtlingskommissar : „Ohne deutschen Beitrag hätten wir eine katastrophale Lage“

„Solidarisches Projekt“: António Guterres mit Flüchtlingen auf Lesbos Bild: AFP

António Guterres, Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, spricht über die Ursache der Flüchtlingsbewegung, die Rolle der internationalen Gemeinschaft und Deutschlands Aufnahmekapazität.

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          Herr Guterres, warum haben die Fluchtbewegungen nach Europa in diesem Jahr so dramatisch zugenommen?

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ich sehe zwei längerfristige Gründe und einen Auslöser: Die längerfristigen Gründe sind einerseits die zunehmende Hoffnungslosigkeit der Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern, die wegen des Krieges die Möglichkeit weiter schwinden sehen, in der näheren Zukunft zurückkehren zu können. Zum anderen haben sich die Lebensbedingungen für Syrer im Libanon, in Jordanien und in der Türkei verschlechtert.

          Dort dürfen Syrer nicht arbeiten, und nur rund die Hälfte der syrischen Flüchtlingskinder können zur Schule gehen. In Syrien herrschte ein relativ hoher Bildungsstand, dies stellt für die Familien also eine dramatische Situation dar. Die Armut nimmt zu: 86 Prozent der Syrer in den jordanischen Flüchtlingslagern leben unterhalb der Armutsgrenze. Im Libanon leben 70 Prozent der Flüchtlinge unterhalb der extremen Armutsgrenze.

          Und was war der unmittelbare Auslöser?

          Der Auslöser war die plötzliche Kürzung der humanitären Hilfe. Im vergangenen Jahr musste das UN-Welternährungsprogramm seine Unterstützung für Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern auf einen Schlag um dreißig Prozent reduzieren. Das vermittelte den Syrern den Eindruck, die internationale Gemeinschaft lasse sie im Stich. Zudem wurde die großflächige Berichterstattung der internationalen Medien von den sehr effizienten Schmugglernetzwerken für Propagandazwecke ausgenutzt, das hatte einen verstärkenden Effekt. Seitdem sehen wir mehr Menschen direkt aus Syrien fliehen, aber auch Iraker und Afghanen.

          Welche Auswirkung hatte in diesem Zusammenhang die Äußerung Angela Merkels, sie erwarte eine Million Flüchtlinge?

          Natürlich hörten auch Flüchtlinge davon, diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien: Dass Flüchtlinge in Deutschland nicht nur willkommen geheißen werden, sondern sie ihre Kinder dort auch zur Schule schicken und ein neues Leben beginnen könnten.

          In welchem Ausmaß sind die UN in Libanon and Jordanien unterfinanziert?

          Unsere Hilfegesuche wurden nur zu fünfzig Prozent finanziert. Nachdem jetzt so viele Flüchtlinge nach Europa kommen, hat sich die Hilfe etwas verbessert. Aber unser Syrien-Programm ist immer noch nur zu 54 Prozent finanziert. Wir haben unsere Mitarbeiterzahl vor Ort reduziert, unsere Vorräte in den Nachbarländern nicht wieder aufgefüllt und sämtliche Programme gestrichen, die nicht das unmittelbare Überleben der Menschen betreffen. So können wir in Jordanien heute jeder Person von 30.000 Familien das Äquivalent von rund einem Dollar am Tag geben.

          Wenn die internationale Gemeinschaft die Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Libanon und Jordanien verbessern würde, kämen dann weniger Menschen nach Europa?

          Die ganze Sache wurde von Beginn an nicht ernst genommen. Der Syrien-Konflikt tobte immer weiter, und trotzdem wurde kein richtiger Versuch unternommen, die Staaten zusammenzubringen, die Einfluss auf die Kriegsparteien haben. Heute gibt es größeres Interesse, diese Staaten zusammenzubringen, um den Krieg zu beenden. Auch die humanitäre Krise wurde nicht ernst genommen, weder in Syrien noch in den Nachbarländern. Schauen Sie sich Libanon an: Auf drei Bürger kommt dort ein Flüchtling. In Europa kommt ein Flüchtling auf mehr als 2000 EU-Bürger – wenn Europa vereint wäre, dann wäre die Krise besser handhabbar.

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