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Kanadas Einwanderungsminister : „Angela Merkel ist eine Heldin“

Drei Dinge sind wesentlich: politische Führungskraft, klare Verständigung zwischen Politik und Gesellschaft und der Grundsatz, Flüchtlinge nie besser zu stellen als die Einheimischen. Beim ersten, bei der politischen Führung, da ähneln sich Deutschland und Kanada sehr. Kanzlerin und Premierminister haben ihrer Bevölkerung in einer ähnlichen Sprache, in der Sprache der Humanität, zu vermitteln versucht, dass es vor allem moralisch richtig ist, für Flüchtlinge offen zu sein. Ich denke, Angela Merkel ist eine Heldin, weil sie bei dieser Haltung bleibt, auch nachdem mehr als eine Million Leute ins Land gekommen sind – das ist erstaunlich und von einer unvergleichlichen Großzügigkeit und Menschlichkeit. Dafür bewundere ich sie. Ich wünsche ihr alles Gute bei der Bewältigung dieser Herausforderung, die Ausmaße hat, die wir uns in Nordamerika kaum vorstellen können.

Wie funktioniert das, was Sie Verständigung mit der Bevölkerung nennen?

Jede Woche gibt unsere Regierung Pressekonferenzen, um den Kanadiern zu berichten, was gut läuft bei der Flüchtlingsaufnahme und was nicht. Wenn man der Bevölkerung die Lage umfassend schildert, dann neigen die Leute stärker dazu, einen zu unterstützen. Schließlich, drittens, müssen wir sicherstellen, dass die Kanadier nicht anfangen zu glauben, Flüchtlinge würden besser gestellt als sie. Da gibt es viele Fußangeln. Die Wohnungsförderung zum Beispiel. Wenn einheimische Kanadier mitunter ein Jahr lang auf eine Wohnung warten, dann wäre es das Schlimmste, was man tun kann, jetzt Flüchtlinge vor sie oben auf die Warteliste zu setzen. Es wäre auch falsch, die Flüchtlinge finanziell besser auszustatten als einheimische Bedürftige. Manchmal würden die Flüchtlinge höhere soziale Leistungen brauchen, wenn sie beispielsweise in einer der teureren Regionen Kanadas untergekommen sind. Aber dann versuchen wir stattdessen, die Privatwirtschaft oder private Initiativen zu zusätzlichen Spenden zu ermutigen.

Neben der Sorge vor wirtschaftlicher Konkurrenz treibt in der aufnehmenden Gesellschaft manche Menschen die Angst vor kultureller Fremdheit um – in Deutschland ist das mit Blick auf muslimische Ankömmlinge der Fall. Gilt das auch in Kanada?

Wir haben gesagt, wir unterscheiden nicht nach Religionszugehörigkeit, wir nehmen einfach die Schwächsten auf. Wir nehmen jene, die auf einer Liste stehen, die vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zusammengestellt wird. Klar, gemäß ihrer Herkunft sind wahrscheinlich mehr als 90 Prozent von ihnen Muslime.

Funktioniert das Miteinander der Kulturen und Religionen?

Vielleicht haben wir in Kanada bislang Glück gehabt, vielleicht ist es aber auch ein Verdienst, wir sind jedenfalls erfolgreich gewesen in dem Bemühen eine pluralistische und vielfältige Gesellschaft zu schaffen, in der sehr verschiedene Menschen miteinander auskommen. Ein Beispiel aus meinem Wahlkreis, in dem die Menschen sehr unterschiedliche Wurzeln haben. Dort gibt es eine Moschee, die direkt neben einer Synagoge steht. Neulich habe ich in der Moschee ein Treffen mit rund 100 Muslimen gehabt, dann bin ich mit ihnen über den Parkplatz zur Synagoge gegangen, wo rund 100 Juden auf uns warteten. Die Moschee-Gemeinde und die Synagogen-Gemeinde unterstützen gemeinsam mit ihren Spenden eine Reihe syrischer Flüchtlingsfamilien. Ich sage nicht, dass das in Kanada jeden Tag irgendwo passiert, aber untypisch ist es auch nicht. An muslimischen Feiertagen überlassen die Juden auch den Muslimen ihre Parkplätze, und an jüdischen Feiertagen ist es umgekehrt.

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