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Flüchtlingskrise : „Christliche Kultur verschwindet? Wie kleingläubig ist das denn?“

Syrische Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager bei der türkischen Stadt Sanliurfa Bild: dpa

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, hält die Angst vor einer Islamisierung Deutschlands für übertrieben. Ein Gespräch über die Flüchtlingskrise, den Kampf gegen den IS und das Erstarken rechter Parteien.

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          Jesus hat mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Männer satt gekriegt. In Deutschland gibt es deutlich mehr Flüchtlinge. Bekommt das der deutsche Sozialstaat auch hin?

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Wir haben eine Haushaltslage, in der es so viele ungeplante Steuereinnahmen gibt, dass wir derzeit alle Anstrengungen damit finanzieren können. Wenn Menschen in Not sind, können wir gar nicht anders, als zu helfen. Wenn wir derzeit so reich gesegnet sind, gilt das umso mehr.

          In der Bibel hat der barmherzige Samariter den Überfallenen nicht auf Dauer bei sich aufgenommen, sondern er hat ihn zur Herberge gebracht, dort für seine Versorgung gezahlt und ist dann weiter seinen Geschäften nachgegangen. Wäre das auch eine christliche Antwort auf die Flüchtlingskrise: Deutschland zahlt für die Versorgung von Menschen in Not, nimmt aber nicht jeden auf?

          Der Staat ist nicht mit dem Samariter als einzelnem Helfer zu vergleichen, sondern mit der Herberge. Gerade das ist die Pointe der Auslegung. Dennoch: Die Hilfe muss nicht immer in Deutschland erfolgen. Entscheidend ist, dass Menschen in Not geholfen wird und wir uns dafür mit verantwortlich fühlen. Der Vorrang liegt ohnehin bei der Bekämpfung der Fluchtursachen.

          Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
          Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) : Bild: dpa

          Jemand, der zur Flucht genötigt ist, hat nicht automatisch ein Recht auf Einwanderung?

          Asyl und Einwanderung sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich werbe schon länger für ein Einwanderungsgesetz. Wer sein Glück in Deutschland suchen will, soll dafür klar definierte Möglichkeiten haben. Das Asylrecht gilt hingegen für Menschen, die verfolgt oder unmittelbar bedroht sind. Wenn dann später die Möglichkeit für eine Rückkehr besteht, gehen die Leute vielfach wieder in ihre Heimat. Die Vergangenheit hat allerdings gezeigt, dass nicht alle wieder zurückgehen, und das ist unserem Land auch nicht schlecht bekommen.

          Sie sind dagegen, dass man syrischen Flüchtlingen in Deutschland Beschränkungen beim Familiennachzug auferlegt, und begründen das mit dem christlichen Liebesgebot. Eine Politik, die den Geboten der Religion folgt - ist das nicht das Prinzip der islamischen Theokratien?

          Mit Theokratie hat das überhaupt nichts zu tun. Rein gar nichts. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Kirchen in den öffentlichen Debatten Deutschlands zu Wort melden. Das hat einen guten Grund: In der Politik gibt es eine Fülle von Themen, in deren Tiefenschichten es immer auch um ethische Fragen geht. Auch ein weltanschaulich neutraler Staat bleibt auf ethische Orientierung angewiesen. Solche Orientierung kann man nicht staatlich anordnen.

          Von Bischöfen wie Politikern hört man immer wieder die Formulierung, die „Ängste“ der Bürger müssten „ernst genommen“ werden. Welche dieser Ängste sind berechtigt?

          Berechtigt ist die Angst, dass die sozial Schwachen in unserem Land, vor allem beim Wohnraum, durch die Flüchtlingskrise nochmals zu Verlierern werden. Wir müssen bei allen Programmen darauf achten, dass wir das Geld für Flüchtlinge nicht bei den sozial Schwachen abzweigen.

          Viele Menschen befürchten eine Veränderung Europas. Darf man die Einwanderung von Millionen Muslimen falsch finden, oder ist das unchristlich?

          Trauen wir unserem eigenen Glauben so wenig zu, dass wir befürchten müssen, bei fünfzig Millionen Christen könnte durch ein, zwei oder drei Millionen mehr Muslime in Deutschland die christliche Kultur verschwinden? Wie kleingläubig ist das denn?!

          Die Wahlergebnisse in vielen europäischen Ländern zeigen, dass radikale Parteien Zulauf haben wegen des Unbehagens über muslimische Zuwanderung.

          Deshalb dürfen wir den radikalen Parteien nicht das Feld überlassen. Das ist doch das Merkwürdige: Hier wird für die vermeintliche Verteidigung des christlichen Abendlandes eine durch und durch defensive Kulisse aufgebaut, bei der das Entscheidende in den Hintergrund tritt: nämlich was für eine wunderbare Botschaft uns Christen geschenkt ist! Tragen wir doch selbst dazu bei, dass die Kraft des christlichen Glaubens wieder sichtbarer wird. Ich kann nur jeden einladen, sich wieder neu zu interessieren für die Kirchengemeinde, in die Gottesdienste zu gehen, die Bibel wieder mehr zu lesen und das, was man zu verlieren befürchtet, selbst wieder neu zu entdecken.

          Was trägt die evangelische Kirche zur Bewältigung der Flüchtlingskrise bei?

          Der unbezahlbare Schatz sind die vielen ehrenamtlichen Helfer. Davon gibt es allein in der evangelischen Kirche mehr als 120 000. Die Landeskirchen stellen zusätzlich 85 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe bereit. Davon bezahlen die Kirchen unter anderem hauptamtliche Koordinatoren, die dafür sorgen sollen, dass unsere Ehrenamtlichen auch da hinkommen, wo Hilfe gebraucht wird. Und wir stellen Unterkünfte zur Verfügung. Allein im Kirchenkreis München und Oberbayern haben evangelische Gemeinden und diakonische Einrichtungen Unterkünfte für mehr als tausend Menschen angeboten.

          Wie stehen Sie zur AfD? Was ist die Partei nach dem Austritt von Bernd Lucke für Sie: rechtskonservativ, rechtspopulistisch oder rechtsradikal?

          Ich bin mit solchen Etiketten vorsichtig. Ich gebrauche den Begriff „rechtspopulistisch“ dann, wenn nationale Kategorien verabsolutiert werden. Wenn zum Beispiel der Universalismus der Menschenrechte nicht mehr ernst genommen wird. Bei der AfD habe ich das Gefühl, dass die Partei erst noch klären muss, was sie eigentlich will. Da gibt es sehr unterschiedliche Stimmen. Klar kritisiert habe ich, dass aus Demonstrationen der AfD heraus rechtsradikale Parolen gerufen werden. Es ist nun an der AfD, ihr Verhältnis zu solchen Kräften zu klären.

          Bild: Simon Schwartz

          Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Kritik bekommen?

          Wenn man über Rechtsradikalismus oder Rechtspopulismus spricht, kommen deutlich mehr Briefe aus diesem Spektrum an.

          Es gab auch heftige Reaktionen im Internet.

          Im Hinblick auf die Reaktionen muss man differenzieren. Über Ängste muss man ja reden können, ohne gleich als rechtsradikal verdächtigt zu werden. Aber damit hat vieles in den sozialen Netzwerken ja nichts mehr zu tun. Das ist blanke Hetze, Herabwürdigung von Menschen. Die Hemmschwelle scheint zu sinken. Das macht mir Sorgen. Denn die Kommentarkultur im Internet kann ein Vorbote dessen sein, was später als salonfähig gilt. Aber es ist für mein Empfinden derzeit noch eine begrenzte Zahl von Leuten, die sich dort organisiert, äußert und durch die Drastik ihrer Worte und die hohe Frequenz ihrer Beiträge sehr viel Wind von sich macht.

          Was muss man tun?

          Hetze muss gelöscht werden. Auch Konzerne wie Facebook müssen Grenzen beachten, denn Hetze lässt sich mit Meinungsfreiheit nicht mehr rechtfertigen. Da muss die Demokratie wehrhaft sein.

          Die Bundesregierung hat die Bundeswehr in den Himmel über Syrien geschickt. Mit Zustimmung der evangelischen Kirche?

          Aus christlicher Sicht haben zivile Mittel grundsätzlich Vorrang. Beim Kampf gegen den sogenannten IS sind diese erkennbar noch nicht ausgeschöpft. Die Finanzströme sind nicht gestoppt, politische Verhandlungen nicht ausgereizt. Und ich kann bisher kein klares Konzept erkennen, welche Ordnung eigentlich am Ende eines erfolgreichen Einsatzes stünde. Ich stehe diesem Bundeswehr-Einsatz deswegen nach wie vor skeptisch gegenüber. Unsere friedensethischen Kriterien sind nicht erfüllt: Die Lage in Syrien ist sehr unübersichtlich, und ich sehe keine ausreichenden Chancen, dass man mit den geplanten militärischen Mitteln zu einem Erfolg kommt.

          Wäscht man sich so nicht die Hände in Unschuld?

          Ich lehne militärische Gewaltanwendung gegen den IS nicht grundsätzlich ab. Die Waffenlieferungen an die Peschmerga im vergangenen Jahr habe ich mit einiger innerer Zerrissenheit befürwortet, weil sie mir das einzige kurzfristig wirksame Mittel schienen. Wenn ich im Hinblick auf den jetzt vorgesehenen Militäreinsatz in Syrien zu einem anderen Ergebnis komme, ist das Ergebnis einer gewissenhaften Abwägung. Ohne Schuld kommt man da so oder so nicht raus. Was die Waffen an die Peschmerga angeht, wird mir möglicherweise in drei oder vier Jahren vorgehalten, dass mit diesen Waffen schlimme Dinge angerichtet worden sind. Den Brustton der Überzeugung kann ich da leider weder in die eine noch in die andere Richtung bieten.

          Die evangelische Kirche hat in den vergangenen Jahren wiederholt bei Militäreinsätzen zu keiner einheitlichen Haltung gefunden.

          In der Grundhaltung stimmen wir sehr wohl überein. Es gibt den Konsens, dass zivile Mittel Vorrang haben, so wie es in unserer EKD-Denkschrift zum gerechten Frieden steht. In den jeweiligen Zuspitzungen mag es allerdings eine Pluralität geben, und das ist auch richtig so. Dass es keine einfachen Antworten gibt, ist schlicht Spiegelbild einer sehr schwierigen Situation.

          Könnten die Meinungsverschiedenheiten auch daher rühren, dass in dieser Denkschrift die „neuen Kriege“ nicht durchdacht worden sind, also Kriege jenseits des klassischen militärischen Konflikts zwischen Staaten?

          Die Weltsituation hat sich verändert, damit auch die Konfliktsituationen. Wenn wir immer wieder erleben, dass die UN sich als zahnlos erweisen, dann ist da Reflexionsbedarf. Wie sich angesichts von Terrororganisationen, die ganze Regionen kontrollieren, in Zukunft internationale polizeiliche Aufgaben wahrnehmen lassen, darüber wird die evangelische Kirche gründlich nachdenken.

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