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Interne Protokolle : Immer mehr Frauen und Jugendliche auf der Balkanroute

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Mehr Flüchtlinge sind in Griechenland unterwegs – das bekommt die Tourismusindustrie des Landes zu spüren. Bild: dpa

Die Balkanroute ist dicht, trotzdem kommen tausende Flüchtlinge: Unter ihnen sind offenbar immer mehr Frauen und Minderjährige. Dafür gibt es plausible Gründe.

          Die Lage vieler Flüchtlinge in Griechenland wird immer verzweifelter. Die Balkanroute ist abgeriegelt, trotzdem versuchen Tausende an die Grenze Mazedoniens zu gelangen. Offenbar sind vor allem Frauen und unbegleitete Jugendliche auf dem Weg nach Europa. Es soll sich um eine Größenordnung von bis zu 80 Prozent handeln. Das berichtet die Zeitschrift „Der Spiegel“ unter Berufung auf das interne Protokoll einer Telefonkonferenz des Bundsinnenministeriums. „Das Auswärtige Amt bestätigt auf Nachfrage, dass über die Balkanroute derzeit mehr Frauen und unbegleitete Jugendliche kommen würden“, zitiert „Der Spiegel“ aus dem Protokoll.  „Es wird angenommen, dass dies bereits eine Reaktion auf die in Deutschland vorgesehenen gesetzlichen Änderungen mit Bezug auf Familiennachzug ist.“

          In dieser Woche hat der Bundestag eine deutliche Verschärfung des Asylrechts beschlossen, danach soll beispielsweise der Familiennachzug strenger reglementiert werden. Flüchtlinge, die etwa nur „subsidiären Schutz“ haben, sich also nicht auf das Grundrecht auf Asyl berufen können, dürfen in den kommenden zwei Jahren nicht ihre Familien nach Deutschland holen. Bisher waren es vor allem junge Männer, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Im vergangenen Jahr wurden nur rund 18 Prozent der Asylanträge in Deutschland von Frauen gestellt, 31 Prozent von Minderjährigen.

          Gerade jetzt zeichnet sich eine bedrohliche humanitäre Situation ab. Auf dem griechischen Festland sind nach neuesten Schätzungen der Polizei mehr als 25 000 Menschen auf dem Weg zur Grenze. Auch in den Parkanlagen und auf den Plätzen von Athen harren Flüchtlinge im Freien aus. An der mazedonisch-griechischen Grenze ist für die meisten Flüchtlinge Schluss: Nur noch vereinzelt dürfen Syrer und Iraker die Reise fortsetzen, andere Flüchtlinge werden gar nicht mehr durchgelassen. Mittlerweile warten mehrere tausend Menschen an der Grenze bei Idomeni. Dort kam es zuletzt zu Schlägereien und Messerstechereien unter Flüchtlingen, wie das Staatsradio berichtete.

          Rund 5500 Menschen sind Idomeni an der Grenze

          Wegen der Flüchtlingskrise verzeichnet die griechische Tourismus-Branche einen starken Rückgang der Buchungen sowie einen Anstieg der Stornierungen bereits gebuchter Reisen. Das berichtet am Samstag die Athener Tageszeitung „Kathimerini“.

          Vor allem die Inseln in der östlichen Ägäis, zu denen die Flüchtlinge von der Türkei aus übersetzen, seien betroffen, heißt es. So seien die Buchungen auf Lesbos im Vergleich zum Vorjahr um 90 Prozent eingebrochen; auf Samos betrage der Rückgang 40 Prozent. Auch hätten Fluggesellschaften bereits erste Flugverbindungen gestrichen und Kreuzfahrtschiffe ihre Routen geändert.

          Bis zum Samstagabend wird die Zahl der Flüchtlinge und Migranten an der griechisch-mazedonischen Grenze auf 7000 Menschen steigen. „Im Moment sind rund 5500 Menschen hier in Idomeni, doch weitere Flüchtlinge sind zu Fuß und per Bus unterwegs in den Norden“, sagte Gemma Gillie, Sprecherin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, der Deutschen Presse-Agentur am Samstagmittag.

          Der staatliche griechische Fernsehsender ERT berichtete von weiteren 1500 Menschen, die den Grenzort Idomeni bis zum Abend erreichen könnten. Das Auffanglager direkt am Grenzübergang ist nur für 1500 Menschen insgesamt ausgelegt.

          „Noch haben wir die Lage im Griff, was die Versorgung der Menschen betrifft“, sagt Gemma Gillie. „Viele mussten im Freien übernachten, es hat geregnet, aber wir konnten bisher ausreichend Regenjacken, Decken, Nahrungsmittel und Wasser verteilen.“ Die weitere Entwicklung hänge auch davon ab, ob Mazedonien die Grenze doch noch zwischenzeitlich öffne. Das Nachbarland hält den Grenzübergang seit Tagen weitgehend geschlossen und lässt nur hin und wieder syrische und irakische Staatsbürger passieren; seit Freitagmorgen ist die Grenze völlig dicht.

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