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Sehnsuchtsort Deutschland : Der Integrationskurs

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam diskutieren, lachen und trauern: Kursleiterin Marianne Friedl mit Schülern Bild: Andreas Müller

Im niederbayrischen Deggendorf lernen Flüchtlinge Lesen und Schreiben. Die Kursleiterin ist pensionierte Mittelschullehrerin, die Umstellung auf die neue Arbeit ist für sie eine Herausforderung.

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          Morgens kurz vor elf Uhr, zehn Minuten nach Beginn des Integrationskurses für Analphabeten, ist Kursleiterin Marianne Friedl in den Klassenräumen der Deggendorfer Volkshochschule noch fast allein. Nur Schafighe, eine Schülerin aus Afghanistan, ist schon da. Sie hat ihre Lehrbücher aufgeschlagen und die Augen noch einmal halb geschlossen, nun warten sie beide geduldig. „Es gibt da schon gewisse kulturelle Unterschiede im Umgang mit der Zeit“, sagt Friedl amüsiert, „aber nach einer halben Stunde sind für gewöhnlich alle da.“ Und tatsächlich, nach und nach trudeln fünf weitere Teilnehmer ein. Sie stammen aus Syrien, Mazedonien, Nigeria, der Republik Kongo, Griechenland. Vor einem halben Jahr noch konnten die meisten unter ihnen weder lesen noch schreiben.

          Erwachsene Einwanderer werden von der Ausländerbehörde generell dazu verpflichtet, einen staatlich subventionierten Integrationskurs zu besuchen, sofern sie entsprechende Deutschkenntnisse nicht bereits nachweisen können. Die Kurse sind verpflichtend, bei Nichtteilnahme kann das Arbeitslosengeld II gekürzt, ein Bußgeld verhängt oder die Aufenthaltserlaubnis entzogen werden. Nach dem aktuell geänderten Asylbeschleunigungsgesetz dürfen nun auch Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive an den Kursen teilnehmen.

          Heute steht das Perfekt auf dem Lehrplan, eine schwierige Angelegenheit, wie die Kursleiterin zu verstehen gibt: „Wir freuen uns alle zusammen, wenn wir mal ein oder zwei Wörter hören.“ Und dennoch gebe es kleine Fortschritte. Die Klasse hat die Grundalphabetisierung bereits errungen, die meisten beherrschen inzwischen die lateinische Schrift und können lesen.


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          Die Schüler können das Material aus den Lehrbüchern gut reproduzieren, das Anwenden gestaltet sich bei vielen aber noch schwierig. Alle lesen reihum: „Natascha macht ihre Hausaufgaben.“ Dann versuchen sie im Chor, das Perfekt zu bilden: „Natascha hat machen.“ Die Kursleiterin korrigiert, sehr langsam und mit einer sehr vereinfachten Sprache: „Wenn Sie sagen: Natascha hat machen Hausaufgabe, jeder versteht Sie, aber jeder weiß auch: Ah, kommt nicht aus Deutschland!“ Später, im Gespräch, sagt Friedl dann: „Ich habe mir inzwischen angewöhnt, sehr langsam zu sprechen. Im Alltag schaffe ich es schon gar nicht mehr, flüssig zu reden.“

          Friedl ist pensionierte Mittelschullehrerin, die Umstellung auf die Arbeit mit erwachsenen Flüchtlingen war für sie eine Herausforderung: „Am Anfang funktioniert es nur mit Händen und Füßen.“ Gerade bei der Arbeit mit Analphabeten sei es schwierig, den richtigen Ton zwischen Kindergarten und Erwachsenenbildung zu treffen: „Die Teilnehmer möchten sich natürlich ernst genommen fühlen. In der ersten Stunde schneiden wir zum Beispiel Buchstaben aus, aber es hilft!“

          Nach sechs Modulen à zehn Stunden erreichen die Absolventen bei bestandener Abschlussprüfung das sogenannte B1-Niveau. Das Zertifikat bescheinigt zwar die selbständige Sprachanwendung, noch nicht aber die Arbeitsmarkttauglichkeit. Nebenbei soll auch ein Grundverständnis des deutschen Alltags und Lebens vermittelt werden, etwa, was man in Deutschland gerne kocht oder aber deutsche Hausmittel gegen Erkältung. Im Kurs kommen die Teilnehmer auch in Berührung mit Menschen außerhalb ihrer Familie und ihrer Kultur, es wird nicht nur nebeneinander Deutsch gelernt, sondern miteinander diskutiert, gelacht und getrauert.

          Vier von zehn Teilnehmern fehlen heute. Normalerweise seien aber etwa acht von zehn anwesend, sagt Friedl: „Manche kommen wirklich gerne, und bei manchen ist es problematisch. Ein syrischer Teilnehmer ist kaum da, er hat immer Kopfschmerzen. Am Anfang war er sehr motiviert, dann wurde sein Bruder im Damaskus erschossen, er hat uns im Kurs davon erzählt. Seither ist er vollkommen unkonzentriert.“

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