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Flüchtlingskrise : Ankerkinder allein auf der Flucht

Nicht nur Backen lernen: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in einem Jugendheim in Garmisch-Partenkirchen Bild: dpa

Die Zahl unbegleiteter Minderjähriger, die nach Deutschland kommen und Asyl beantragen, steigt seit Jahren. Das heizt den politischen Streit um den Familiennachzug weiter an. Es gibt aber auch praktische Hilfe.

          In einer Gesellschaft wie der deutschen, die immer weniger Kinder bekommt und daher dazu neigt, die vorhandenen immer ängstlicher zu betreuen, ist es schwer vorstellbar, dass ein Kind sich allein von Damaskus bis München durchschlägt. Ist aber so. Die meisten Flüchtlinge sind jung. Viele sind noch Kinder, manche von ihnen kommen mit ihren Eltern, manche ohne. Etwa 300.000 der in diesem Jahr nach Deutschland kommenden Flüchtlinge seien Kinder, sagte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig am Montag in Berlin. Bei einer Million Flüchtlinge ist das knapp ein Drittel. Die neben ihr im Saal der Bundespressekonferenz sitzende Unicef-Koordinatorin für die Flüchtlingskrise in Europa, Marie-Pierre Poirier, bestätigte eine steigende Tendenz.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Auch wenn die Flüchtlinge oft erst Monate nach ihrer Ankunft einen Asylantrag stellen, macht sich das Phänomen schon längst in der Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bemerkbar. Mehr als ein Viertel der knapp 400.000 Migranten, die von Januar bis Ende November dieses Jahres Asyl beantragten, war dabei jünger als 16 Jahre, 55 Prozent davon männlich, 45 Prozent weiblich.

          Annähernd fünf Prozent der 400.000 waren 16 bis 18 Jahre alt. Die Altersgruppe der Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen macht noch einmal annähernd 25 Prozent aus. Hier dominieren die Männer mit 80 Prozent. Insgesamt heißt das, dass jeder zweite in Deutschland Asyl Suchende 25 Jahre oder jünger ist.

          2015 etwa 11.000 Anträge unbegleiteter Minderjähriger

          Für viele der Minderjährigen beantragen die Eltern, die bei ihnen sind, Asyl. Doch immer mehr machen das selbst, weil sie allein sind. Im Jahr 2012 traf das gerade mal auf gut 2000 Personen zu, im Jahr darauf waren es schon annähernd 2500, wieder ein Jahr später 4400. In diesem Jahr haben nach Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) schon etwa 11.000 unbegleitete Minderjährige einen Asylantrag beim Bamf gestellt. Während in der Gesamtstatistik das Hauptherkunftsland nach wie vor Syrien ist und Afghanistan deutlich auf dem zweiten Platz rangiert, ist es bei den Minderjährigen schon seit längerer Zeit umgekehrt.

          Es kommen deutlich mehr unbegleitete Minderjährige Asylbewerber aus Afghanistan als aus Syrien. Allerdings weist das BMI darauf hin, dass nicht alle Minderjährigen Asyl beantragen, was ja immer auch mit der Gefahr einer Ablehnung verbunden ist. Auch ohne Asylverfahren hätten sie Aussichten, nationale Abschiebeverbote geltend zu machen und so zumindest vorübergehend in Deutschland zu bleiben. Im Bundesinnenministerium gibt es für Minderjährige, die Asyl beantragen, den Begriff „Ankerkinder“. Mit Zunahme des gesamten „Migrationsgeschehens“ habe auch das Phänomen zugenommen, dass Familien Kinder und Jugendlich allein auf die Reise schickten, damit diese anschließend die Familie nachholen.

          SPD gegen Einschränkung von Familiennachzug

          Die Politik zieht unterschiedliche Schlüsse aus der Zunahme der Flucht von Kindern und Jugendlichen. In der Begründung des aus dem CDU-geführten Bundesinnenministerium stammenden Entwurfs für das zweite Gesetzespaket zur Verschärfung des Asylrechts wird kritisiert, dass immer mehr Eltern ihre jugendlichen Kinder losschickten, um später nachgeholt zu werden. Deswegen wollen vor allem diejenigen Unionspolitiker, die schon länger für eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen eintreten, den Anreiz nehmen, indem zumindest denjenigen Minderjährigen, die nur subsidiären Schutz in Deutschland bekommen, das Recht verwehrt werden soll, ihre Familien nachzuholen.

          Die sozialdemokratische Familienministerin sieht darin den falschen Weg. Vielmehr führe das Signal, der Familiennachzug könnte eingeschränkt werden, dazu, dass sich immer mehr Frauen und Kinder auf den Weg Richtung Europa machten. Die SPD habe jedenfalls „keinerlei Interesse“, den Familiennachzug einzuschränken. Nicht zuletzt in diesem Punkt könnten die Verhandlungen der Koalition über das zweite Asylpaket also interessant bleiben, zumal zumindest ein Teil der Union bekanntlich darauf aus ist, die Fälle von lediglich subsidiärem Schutz deutlich über das bisherige Maß hinaus auszuweiten.

          Bevor diese Fragen gesetzlich geregelt sind, hat Ministerin Schwesig in Zusammenarbeit mit Unicef Hilfe auf den Weg gebracht für alle Kinder und auch Frauen unter den Flüchtlingen, die es bis Deutschland geschafft haben. In Zusammenarbeit mit den Fachleuten von Unicef soll das Personal der Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in Fragen des Kinderschutzes, aber auch für Fälle sexueller Gewalt geschult werden. Mit Beratung, logistischer Hilfe und mit zusätzlichem Geld soll eine in dieser Hinsicht bessere Ausstattung der Unterkünfte bald ermöglicht werden.

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