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Vorstandssitzung der CSU : Seehofers Alphabet

  • -Aktualisiert am

Zeigte Stärke auf der neuen Münchener Bühne: CSU-Chef Horst Seehofer Bild: dpa

Bei seinem Debüt in der neuen Parteizentrale gab sich Horst Seehofer heute Mühe, Stärke zu demonstrieren. Für Julia Klöckners Plan zur Begrenzung der Flüchtlingszahlen hatte er nur Spott übrig. „A2“ sei eigentlich ein „B“.

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          Am Montag war es so weit: Horst Seehofer gab sein Debüt in der neuen Parteizentrale der CSU im Münchner Norden. Vorbei sind die Auftritte in der engen Zufahrt im alten Gebäude an der Nymphenburger Straße – jetzt steht das Ambiente zeitgenössischer Bürobauten bereit. Und Seehofer nutzte natürlich die Gelegenheit, Stärke zu demonstrieren – auch physische Stärke. Nach seinem Schwächeanfall der vergangenen Woche in Kreuth war er schon vor Beginn der Sitzung des CSU-Vorstands präsent – mit einer Choreographie, wie sie nur Seehofer beherrscht.

          Die wartenden Journalisten forderte er gleich bei seinem Eintreffen auf, doch gefälligst Fragen zu stellen. Muhammad Ali konnte zu seinen Glanzzeiten kaum besser Stärke demonstrieren, bevor der Kampf richtig begonnen hatte. Und selbstverständlich stand Seehofer die ganze Zeit. Die Berichte, dass er in Kreuth seine Rede nur im Sitzen fortsetzen konnte, sollten aus dem medialen Gedächtnis ausradiert werden. Und selbstverständlich ignorierte er auf dem Weg zum Sitzungssaal den Aufzug und nahm die Treppe.

          Seehofer zückte seine schärfste Waffe

          Über Seehofer kursieren viele Bilder, treffende und unzutreffende. Übersehen wird meist seine diamantene Härte, auch gegenüber sich selbst. Die meisten Menschen mit seiner medizinischen Vorgeschichte – eine schwere Herzerkrankung im vergangenen Jahrzehnt – hätten sich in Kreuth, als er während einer Rede nicht mehr stehen konnte und sich setzen musste, in ein Krankenhaus fahren lassen. Seehofer blieb bei der Klausurtagung der CSU-Landtagsfraktion; die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand konnte er aber nicht ganz eindämmen.

          Es wurden noch einmal Momente in den Blick genommen, bei denen Seehofer in den vergangenen Jahren mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte – bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth im vergangenen Sommer, als er ärztlichen Beistand in einer Klinik brauchte. Und es wurden Nachfolgeszenarios aufgemacht, verbunden mit der Frage, ob der 66 Jahre alte Seehofer nicht besser beraten sei, schon vor der Landtagswahl 2018 in den Ruhestand zu gehen. Politik kann ein unbarmherziges Geschäft sein; wenn die Akteure gesundheitliche Schwäche zeigen, ist es besonders unbarmherzig.

          Wenig erstaunlich, dass Seehofer am Montag die neue Münchner Bühne der CSU nutzte, um Bestform zu demonstrieren. Nicht nur physische Bestform. Er zückte gleich seine schärfste Waffe – den Spott. Der „Plan A2“ der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner zur Begrenzung der Flüchtlingszahlen? Ach, es gebe immer „neue Wortschöpfungen“, amüsierte sich Seehofer. Wenn nicht „Plan B“ gesagt werden dürfe, um zu kaschieren, dass Plan A gescheitert sei – bitte sehr! Er sei für alle verbalen Einkleidungen offen, solange sie dem Ziel dienten, die Zahl der Flüchtlinge zu verringern.

          Flüchtlingskrise : Klöckners „A2“-Vorschlag sorgt für Diskussion

          Notrationen für noch schlechtere Zeiten

          „Nachrangig“ sei die alphabetische Zuordnung, ließ Seehofer noch wissen. Seine beliebte Metapher, er beschäftige sich nicht mit Mäusekino, ließ er dieses Mal beiseite – es muss Notrationen für noch schlechtere Zeiten geben. Der Evergreen, mit dem er auf Fragen antwortet, dieser oder jener Politiker habe in einer Talkrunde dieses oder jenes gesagt, fehlte aber nicht. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Armin Laschet habe sich doch am Wochenende bei der Unterhaltungssendung „Anne Will“ gegen Obergrenzen bei der Flüchtlingsaufnahme ausgesprochen, sagte ein Journalist.

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          Er gehöre am Wochenende nicht zu den Fernsehzuschauern, ließ das ZDF-Verwaltungsratsmitglied Seehofer wissen. Sein Generalsekretär Andreas Scheuer hatte sich zuvor als gelehriger Schüler erwiesen, als er eine Frage nach der Äußerung Laschets an sich abperlen ließ mit dem Gestus, sich nicht um jede Äußerung aus der Provinz kümmern zu können. Zu Seehofers Meisterschaft dürfte es aber ein weiter Weg sein, etwa zur Nonchalance, mit welcher der CSU-Vorsitzende wieder einmal einen Zeithorizont aufzeigte für eine Wende in der Flüchtlingspolitik, medial gerne als „Ultimaten“ tituliert.

          Seehofer dürfte sich am Montag darauf gefreut haben, wie seine Äußerung aufgenommen wird, es müsse eine grundlegende Korrektur der Flüchtlingspolitik innerhalb von „Wochen – Schrägstrich – Monaten“ geben. Unklar dürfte bleiben, wie das Ultimatum denn nun zu verstehen ist. Es gebe eine aufgewühlte Stimmung im Land, resümierte Seehofer. An diesem Dienstag werde sein Kabinett über den Brief an die Kanzlerin beraten, in dem eine Rückkehr zum geltenden Flüchtlingsrecht angemahnt werden soll. Wenn es keine angemessene Reaktion gebe, werde die vorbereitete Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht, sagte Seehofer – dieses Mal ohne „Wochen – Schrägstrich – Monate“.

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