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Hetze im Netz : „Macht den Waffenschein und bewaffnet euch“

Offener Hass auf Asylbewerber, Politik und Medien: Anhänger der Legida-Bewegung am Montagabend in Leipzig Bild: Reuters

Gegen Asylbewerber und „die da oben“: Nach der Silvesternacht in Köln wird der Tonfall in den sozialen Netzen immer radikaler – vor allem bei Pegida. Die Rufe nach einem Verbot der Bewegung werden lauter. Aber ist das durchsetzbar?

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          Die Aufforderung des Lesers lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Macht den Waffenschein und bewaffnet euch. Ohne geht es leider nicht mehr.“ Der Satz steht auf der Facebook-Seite der rechtsgerichteten Pegida-Bewegung. Und er ist mitnichten ein Einzelfall. Nach einem Jahr Flüchtlingskrise und der Silvesternacht von Köln bricht sich der Hass im Netz immer gewaltiger Bahn, und das längst nicht mehr nur in versteckten rechtsextremen Foren, sondern im grellen Licht der Öffentlichkeit, auf Twitter und Facebook. Und immer öfter drückt sich darin ein fundamentaler, gewaltbereiter und umstürzlerischer Ekel gegenüber den Eliten in Politik, Medien und Behörden aus. Er richtet sich fast ungezielt gegen alles, was von „da oben“ kommt.

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Selbst als am Donnerstag auf FAZ.NET eine harmlose Glosse über Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) erschien, die sich augenzwinkernd mit seiner Kür zum „bestangezogenen Mann Deutschlands“ durch ein Männermagazin befasste und die Flüchtlingsthematik nur streifte, überboten einander viele Kommentatoren auf Twitter danach mit Formulierungen, deren hetzender und radikaler Tonfall fast an die Spätphase der Weimarer Republik erinnert. „Ein aalglatter Feind der freien Rede und der Deutschen“ sei Maas, schrieb ein Kommentator auf Twitter, „er passt sehr gut zu den anderen Spitzenverrätern in Berlin.“ Andere hetzten über den „kleinen Zwerg mit Eichmann-Schnauze“ und beschimpften Maas als „Bundespropagandaminister“ und „Freisler/Goebbels-Mischung“, dessen Frau eine „Burka“ trage.

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          Noch klar bei Verstand?

          Unter den Kommentaren fanden sich auch kaum verhohlene Drohungen wie: „Bald ist er der hübscheste Mann im Knast. Da freuen sich auch schon viele drauf.“ Und das alles, wohlgemerkt, unter einem Text, der sich weder mit der Asylpolitik oder den Geschehnissen in Köln, sondern lediglich wohlwollend ironisch mit dem Modegeschmack des Ministers auseinandersetzte.

          Wie sehr sich der Tonfall im Internet mittlerweile radikalisiert hat, zeigen auch die Reaktionen auf die Legida-Demonstration am Montagabend in Leipzig, als zum Jahrestag der fremdenfeindlichen Bewegung Tausende auf die Straße gingen und gleichzeitig rechtsradikale Hooligans im linksautonom geprägten Stadtteil Connewitz randalierten. In den Foren von Pegida und Legida gab es danach nicht nur Applaus für die weitgehend friedliche Demonstration in der Stadtmitte, sondern auch stillschweigende Zustimmung für die Gewalt in Connewitz, von der sich Legida öffentlich distanziert. Die wenigen kritischen Stimmen, die sich angesichts der Gewalt entsetzt zeigten, waren im Forum deutlich in der Minderzahl. Begeistert zeigten sich unzählige Kommentatoren hingegen vom Auftritt der Pegida-Wortführerin Tatjana Festerling, die auf der Bühne unverhohlen zur Gewalt gegen Politiker und Journalisten aufgerufen hatte. Sie sagte: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetztenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln“.

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