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Gestrandet in Griechenland : Eine Woche Idomeni

Tausende Migranten warten in Idomeni darauf, weiterreisen zu können. Bild: AP

Während wenige Kilometer weiter normaler Grenzbetrieb herrscht, stauen sich in dem griechischen Dorf Tausende Migranten. Die Stimmung schwankt zwischen Zorn und Verzweiflung.

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          Wenn der Name eines kleinen Ortes über Nacht auf einem ganzen Kontinent bekannt wird, geschieht das selten aus einem erfreulichen Anlass. Das gilt auch für das griechische Dorf Idomeni an der Grenze zu Mazedonien, dessen Name am Montag in den Fernsehnachrichten in ganz Europa auftauchte und am Tag danach auf den Titelseiten der „New York Times“ und anderer Zeitungen. Seit Österreich und vier ehemalige Teilrepubliken Jugoslawiens, deren südlichste Mazedonien ist, die „Balkanroute“ praktisch geschlossen haben und die mazedonischen Grenzschützer kaum noch Migranten einreisen lassen, ist Idomeni zu einem Synonym der Krise geworden. Mehrere tausend Leute stecken dort fest.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Angefeuert von einigen arabischsprachigen Einpeitschern, versuchen Anfang der Woche Hunderte Menschen die Grenze zu stürmen, reißen Teile des Ende vergangenen Jahres von den Mazedoniern errichteten Zauns nieder, werfen Steine auf mazedonische Polizisten. Als die sich durch den Einsatz von Tränengas zur Wehr setzen, löst sich die Menge auf der anderen Seite des Zauns in Panik auf, es gibt Verletzte. „Wenn das so weitergeht, wird es bald Opfer geben“, warnt ein griechischer Grenzpolizist. Er meint Todesopfer.

          Lage könne jederzeit außer Kontrolle geraten

          Am Dienstag sammeln sich zur Mittagszeit wieder etwa hundert Männer vor dem Grenztor an den Schienen der Bahnstrecke Thessaloniki-Belgrad und skandieren: „Öffnet die Grenze“. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen warnen, die Lage könne jederzeit wieder außer Kontrolle geraten. Etwa 9000 Menschen halten sich inzwischen am Grenzzaun auf, weiterhin kommen täglich Hunderte hinzu. Mit dem Wort „schwierig“ ist die Lage noch euphemistisch beschrieben. Ein Mitarbeiter der Caritas sagt: „Offiziell gibt es im Lager hier Platz für 1600 Flüchtlinge, der Rest schläft unter freiem Himmel oder in selbst mitgebrachten Zelten.“ Das von Hilfsorganisationen ausgegebene Essen reicht nicht immer. Migranten, die Geld haben, gehen in das 20 Minuten entfernte Idomeni, wo es einen kleinen Supermarkt gibt.

          Am Mittwoch nutzt der slowakische Ministerpräsident Robert Fico den Zaun für einen Abstecher in seinem Wahlkampf: „Ich habe viel Entsetzliches gesehen, aber das hier ist nichts Entsetzliches, sondern eine Gefahr“, sagt er nach seiner Inspektion der Grenze. Wenn die Türkei und Griechenland die Migranten nicht aufhielten, müsse das eben anderswo geschehen. „Denn wenn Migranten erst in Massen durch Europa ziehen, wird es zu spät sein“, wird Fico zitiert.

          Mazedoniens Außenminister Nikola Popoški kommentiert den Tränengaseinsatz vom Montag mit der Bemerkung, die mazedonische Polizei habe die Wahl gehabt, sich entweder zurückzuziehen „oder die illegalen Grenzübertritte mit Gewalt zu verhindern und so EU-Gipfelbeschlüsse umzusetzen“. Griechenlands Migrationsminister Giannis Mouzalas sagt: „Wir müssen die Grenze bei Idomeni als geschlossen betrachten. Es gibt keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, und wir müssen uns auf die Folgen dieser Tatsache vorbereiten.“ In einem ebenfalls am Mittwoch veröffentlichten Interview wird Angela Merkel mit dem Satz zitiert, wer vor Bomben auf Aleppo fliehe oder vor den Mördern des „Islamischen Staates“, den könnten auch die schwierigen Umstände in Griechenland nicht schrecken.

          „Wenn die jetzt losstürmen, hat die Polizei keine Chance“

          Am Donnerstag kündigt die griechische Regierung an, einen Krisenstab zu bilden. Fast 32.000 Migranten seien im Land, knapp 7000 auf den Inseln, die übrigen am Festland, mehrheitlich in Idomeni. Dort besetzen viele zum wiederholten Mal die Gleise und legen damit den für den südwestlichen Balkan wichtigen Güterverkehr vom und zum Hafen Thessaloniki lahm. Einige nehmen Kinder mit auf die Gleise. Männer sammeln sich in Gruppen, die Fäuste zornig in die Luft gereckt, Parolen skandierend, wütend.

          „Was wird die Polizei machen, wenn all diese Menschen plötzlich auf die Grenze losstürmen?“, fragt eine Augenzeugin und antwortet selbst: „Als am Montag Tränengas eingesetzt wurde, waren da noch vergleichsweise wenig Menschen. Wenn die jetzt alle losstürmen, hat die Polizei keine Chance.“ Weiterhin kommen neue Migranten in Idomeni an. Mit Bussen aus Athen, mit Taxis aus Thessaloniki oder der thrakischen Hafenstadt Kavala, in der mittwochs und samstags Fähren von Chios, Lesbos und Limnos anlegen. Die Lage in Idomeni wird immer schwieriger beherrschbar, weil die Zuständigkeit unklar ist. Erst hieß es, die Gemeinde Peonia, zu der das Dorf Idomeni gehört, sei verantwortlich. Doch die war vollkommen überfordert.

          Der Gouverneur der griechischen Region Zentralmakedonien teilte mit, nicht er sei zuständig, sondern die Stadt Thessaloniki. Deren Verwaltung fühlte sich aber nur für das Stadtgebiet verantwortlich. Auch am Donnerstag lässt Mazedonien unterdessen nur wenige hundert Syrer und Iraker über die Grenze, alle andere werden zurückgewiesen. Wegen der niedrigen Tagesquoten stecken auch Syrer und Iraker in Idomeni fest, obwohl sie offiziell über die Grenze dürfen. Immer wieder schlägt die Stimmung am Zaun binnen kürzester Zeit um, von flehentlichen Bitten nach einer Öffnung des Tores in Zorn und Verzweiflung.

          „In einem Meer aus Schlamm und Wasser“

          In der Nacht zum Freitag fällt starker Regen und verwandelt Idomeni in ein Moor. Inzwischen halten sich angeblich mehr als 12.000 Menschen dort auf, „in einem Meer aus Schlamm und Wasser“, wie ein Augenzeuge schildert. Die Athener Zeitung „Ta Nea“ berichtet von „besorgniserregenden Hygienezuständen“ in Idomeni. Der stellvertretende griechische Verteidigungsminister Vitsas sagt, wenn man auch Afghanen als Migranten und nicht als Flüchtlinge einstufe, seien inzwischen 90 Prozent der Gestrandeten ohne Berechtigung auf Asyl in Europa.

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán kommentiert die Lage in Idomeni in einem Interview: „Es ist besser, separat zu handeln, als gemeinsam untätig zu sein.“ Er selbst würde Zustände wie in Idomeni „im Keim ersticken“. Es sei ihm ein Rätsel, warum Athen überhaupt Menschen von den Inseln auf das Festland bringe. Immer häufiger ist unterdessen davon die Rede, dass Migranten in Idomeni eine Ausweichroute über Albanien wählen könnten. Der albanische Ministerpräsident Edi Rama sagt, Albanien werde weder Grenzen öffnen noch Mauern bauen.

          Am Samstag halten sich nach Angaben von Hilfsorganisationen schätzungsweise 13.000 Menschen bei Idomeni auf. Es ist kälter geworden, um die vier Grad am Morgen. Fähren bringen wiederum knapp 1000 Migranten allein von den Inseln Lesbos und Chios nach Athen, von denen viele nach Idomeni weiterwollen. Der Athener Krisenstab teilt mit, durchschnittlich seien in den vergangenen Tagen etwa 1900 Personen aus der Türkei auf die griechischen Inseln gekommen.

          Wenn sich Tausende in Bewegung setzen

          Hilfsorganisationen auf den Insel und in Athen setzen neu Ankommende davon in Kenntnis, dass sie statt nach Idomeni in besser organisierte und weniger überlaufene Aufnahmelager an andere Orten des Landes gehen könnten, doch viele wollen unbedingt an die Grenze.

          Seltsam nur: Kaum 3000 Meter östlich von den abgesperrten und von der Polizei bewachten Bahngleisen liegt einer von drei offiziellen griechisch-mazedonischen Grenzübergängen, die Zollstation Bogorodica an der Autobahn Thessaloniki-Belgrad. Der mazedonische Zaun endet dort, der Übergang ist offen, die Abfertigung verläuft ganz normal, Migranten gibt es hier nicht.

          Wenn sich nun Tausende in Bewegung setzen und von Idomeni nach Bogorodica marschieren – was könnte die mazedonische Polizei da ausrichten? Eine griechische Flüchtlingsaktivistin, die danach gefragt wird, sagt: „Eine gute Idee, daran haben wir noch gar nicht gedacht.“

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