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Gestrandet in Griechenland : Eine Woche Idomeni

„Was wird die Polizei machen, wenn all diese Menschen plötzlich auf die Grenze losstürmen?“, fragt eine Augenzeugin und antwortet selbst: „Als am Montag Tränengas eingesetzt wurde, waren da noch vergleichsweise wenig Menschen. Wenn die jetzt alle losstürmen, hat die Polizei keine Chance.“ Weiterhin kommen neue Migranten in Idomeni an. Mit Bussen aus Athen, mit Taxis aus Thessaloniki oder der thrakischen Hafenstadt Kavala, in der mittwochs und samstags Fähren von Chios, Lesbos und Limnos anlegen. Die Lage in Idomeni wird immer schwieriger beherrschbar, weil die Zuständigkeit unklar ist. Erst hieß es, die Gemeinde Peonia, zu der das Dorf Idomeni gehört, sei verantwortlich. Doch die war vollkommen überfordert.

Der Gouverneur der griechischen Region Zentralmakedonien teilte mit, nicht er sei zuständig, sondern die Stadt Thessaloniki. Deren Verwaltung fühlte sich aber nur für das Stadtgebiet verantwortlich. Auch am Donnerstag lässt Mazedonien unterdessen nur wenige hundert Syrer und Iraker über die Grenze, alle andere werden zurückgewiesen. Wegen der niedrigen Tagesquoten stecken auch Syrer und Iraker in Idomeni fest, obwohl sie offiziell über die Grenze dürfen. Immer wieder schlägt die Stimmung am Zaun binnen kürzester Zeit um, von flehentlichen Bitten nach einer Öffnung des Tores in Zorn und Verzweiflung.

„In einem Meer aus Schlamm und Wasser“

In der Nacht zum Freitag fällt starker Regen und verwandelt Idomeni in ein Moor. Inzwischen halten sich angeblich mehr als 12.000 Menschen dort auf, „in einem Meer aus Schlamm und Wasser“, wie ein Augenzeuge schildert. Die Athener Zeitung „Ta Nea“ berichtet von „besorgniserregenden Hygienezuständen“ in Idomeni. Der stellvertretende griechische Verteidigungsminister Vitsas sagt, wenn man auch Afghanen als Migranten und nicht als Flüchtlinge einstufe, seien inzwischen 90 Prozent der Gestrandeten ohne Berechtigung auf Asyl in Europa.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán kommentiert die Lage in Idomeni in einem Interview: „Es ist besser, separat zu handeln, als gemeinsam untätig zu sein.“ Er selbst würde Zustände wie in Idomeni „im Keim ersticken“. Es sei ihm ein Rätsel, warum Athen überhaupt Menschen von den Inseln auf das Festland bringe. Immer häufiger ist unterdessen davon die Rede, dass Migranten in Idomeni eine Ausweichroute über Albanien wählen könnten. Der albanische Ministerpräsident Edi Rama sagt, Albanien werde weder Grenzen öffnen noch Mauern bauen.

Am Samstag halten sich nach Angaben von Hilfsorganisationen schätzungsweise 13.000 Menschen bei Idomeni auf. Es ist kälter geworden, um die vier Grad am Morgen. Fähren bringen wiederum knapp 1000 Migranten allein von den Inseln Lesbos und Chios nach Athen, von denen viele nach Idomeni weiterwollen. Der Athener Krisenstab teilt mit, durchschnittlich seien in den vergangenen Tagen etwa 1900 Personen aus der Türkei auf die griechischen Inseln gekommen.

Wenn sich Tausende in Bewegung setzen

Hilfsorganisationen auf den Insel und in Athen setzen neu Ankommende davon in Kenntnis, dass sie statt nach Idomeni in besser organisierte und weniger überlaufene Aufnahmelager an andere Orten des Landes gehen könnten, doch viele wollen unbedingt an die Grenze.

Seltsam nur: Kaum 3000 Meter östlich von den abgesperrten und von der Polizei bewachten Bahngleisen liegt einer von drei offiziellen griechisch-mazedonischen Grenzübergängen, die Zollstation Bogorodica an der Autobahn Thessaloniki-Belgrad. Der mazedonische Zaun endet dort, der Übergang ist offen, die Abfertigung verläuft ganz normal, Migranten gibt es hier nicht.

Wenn sich nun Tausende in Bewegung setzen und von Idomeni nach Bogorodica marschieren – was könnte die mazedonische Polizei da ausrichten? Eine griechische Flüchtlingsaktivistin, die danach gefragt wird, sagt: „Eine gute Idee, daran haben wir noch gar nicht gedacht.“

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