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Anschlag auf Flüchtlingsheim : Eine hundsgewöhnliche Sommernacht

Erinnerungslücken: Die drei Angeklagten vor dem Landgericht Hannover Bild: dpa

Sie trinken, grölen rechte Lieder – und basteln einen Molotow-Cocktail, den sie in eine Asylunterkunft werfen. Drei Personen stehen deswegen jetzt vor Gericht. Sie profitieren von glücklichen Umständen.

          Das einzig Gute an diesem Fall ist vermutlich, dass die drei Angeklagten Dennis L., Sascha D. und Saskia B. in jener warmen Sommernacht vom 27. auf den 28. August 2015 nur ihrem eigenen Leben eine entscheidend neue Wendung gegeben haben. Niemand wurde verletzt, weil sie einen Molotow-Cocktail in das Kinderzimmer der Asylbewerberunterkunft in Salzhemmendorf warfen. Das Kind hat in dieser Nacht ausnahmsweise nebenan bei der Mutter geschlafen. Und der kleine Junge hatte auch seine Matratze dabei, die sonst wohl auf dem metallenen Bettgestell gelegen hätte, unter dem der Brandsatz landete. Ein weiterer glücklicher Umstand war, dass das am Fußboden entfachte Feuer trotz nachtschlafender Zeit von Anwohnern bemerkt worden ist. Binnen Minuten war die Feuerwehr zur Stelle.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Es hätte auch anders kommen können. Deshalb müssen sich die drei Angeklagten seit Mittwoch wegen versuchten Mords sowie versuchter schwerer Brandstiftung vor dem Landgericht Hannover verantworten. Zum Auftakt des Prozesses ließen die beiden Männer und die junge Frau über ihre Verteidiger eine Einlassung zum Tatvorwurf verlesen, durch die sich die Stunden vor und nach der Tat recht genau nachzeichnen lassen.

          Wegen ihrer Korpulenz gehänselt

          Für Dennis L. war der 27. August ein hundsgewöhnlicher Arbeitstag. Gegen 15.30 Uhr kehrte er von seiner Arbeitsstelle in einer Gummilager-Fabrik zurück und führte erst einmal seinen Hund spazieren. Danach ging Dennis L. einkaufen, Zigaretten und zwei Flaschen Weinbrand der Marke „Springer Urvater“. Ob auch noch Bier dabei war, daran kann sich Dennis L. nicht mehr erinnern. In seiner Garage in Lauenstein sei sowieso Alkohol vorrätig gewesen. Dort trifft sich Dennis L. abends gewöhnlich mit Bekannten und Verwandten. „Die Dorfgemeinschaft ist gut“ und es sei „üblicher Brauch dass auch etwas getrunken wird“.

          Mit dem Trinken hat Sascha D., der 25 Jahre alte zweite Angeklagte, schon ein Problem, seit er 16 Jahre alt ist. Unter Alkoholeinfluss hat Sascha D., ebenso wie Dennis L., bereits Straftaten begangen. Körperverletzung, Sachbeschädigung, diese Kragenweite. Ein weiteres Problem im Leben von Sascha. D. ist, dass er zwar ein Auto besitzt, aber keine Fahrerlaubnis. So kommt die 24 Jahre alte Saskia B. ins Spiel, bei der es genau andersherum ist. Sie hat kein Auto, aber dafür eine Fahrerlaubnis. Mit Sascha D. hat sie eine Vereinbarung geschlossen: Sie darf sein Auto nutzen und leistet ihm dafür Fahrdienste. So auch am 27. August. Gegen 18 Uhr lässt sich Sascha D. von Saskia B. zunächst zum Supermarkt „Netto“ fahren.

          Seit einigen Monaten sind die beiden gut befreundet. Im Frühjahr waren sie ein paar Wochen sogar ein Paar. Beide sind in Hameln geboren. Beide haben keine Berufsausbildung. Saskia B., die sich in der Schule wegen ihrer Korpulenz hänseln lassen musste, wurde bereits im Alter von 17 schwanger. Der Kindsvater hat den Kontakt zu ihr und ihrer Tochter abgebrochen. Vor drei Jahren wurde Saskia B. abermals schwanger. Aber auch der Vater ihres Sohnes ist mittlerweile „abgetaucht“. Auch Sascha D. lebt von der Mutter seines kleines Sohnes getrennt. Als Produktionshelfer verdient er immerhin eigenes Geld. Saskia B. ist trotz ihres Realschulabschlusses auf Hartz IV angewiesen.

          Nach dem Einkauf bei „Netto“ lässt sich Sascha B. zur Garage von Dennis L. in Lauenstein chauffieren. Saskia B. sagt, der schmächtige Sascha habe zum athletisch gebauten Dennis „aufgeschaut.“ Ihr selbst sei Dennis L. „nicht geheuer“ gewesen. Aggressiv und bestimmend sei er.

          Saskia B., die in Springe wohnt, fährt wieder fort. Die Männer beginnen zu trinken, „Springer Urvater“ mit Cola gemischt, dazu Bier. Sascha D. schätzt, er habe in der Garage eine Flasche Weinbrand und sechs bis acht kleine Biere getrunken. Auch Dennis L. reklamiert wegen des Alkohols im Rückblick an entscheidenden Punkten Erinnerungslücken für sich.

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