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Gastbeitrag : Deutschlands moralische Selbstüberschätzung

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Sehnsuchtsort Deutschland: Das mit Flüchtlingen voll besetzte Kulturzentrum Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund am Abend des 9.September 2015. Bild: Frank Röth

Es ist ein Irrglaube zu meinen, wir seien bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise dazu berufen, weltweit das Gute zu verwirklichen – gegebenenfalls auch im Alleingang. Er darf nicht zu unserer Lebenslüge werden. Ein Gastbeitrag.

          Der Spätsommer 2015 erteilt uns Deutschen eine bemerkenswerte Lektion. Er belehrt uns über die Ambivalenz des Guten. Wer hätte sich nicht gefreut, als Zehntausenden Flüchtlingen in München und andernorts ein freundliches Willkommen zuteilwurde? Als Bilder um die Welt gingen, die wie ein Kontrastprogramm zu den schrecklichen Szenen von Tröglitz und Heidenau wirkten, wo „hässliche Deutsche“ gezeigt hatten, dass es sie immer noch gibt?

          Doch inzwischen ist unübersehbar, dass das, was man neuerdings gern die deutsche „Willkommenskultur“ nennt, von Anfang an auch eine Kehrseite hatte. Manche Deutsche neigten zu sonderbaren Bekundungen eines vage „links“ anmutenden Nationalstolzes, der nicht frei war von Zügen der Selbstgefälligkeit, ja der Selbstgerechtigkeit. Im Bundestag wurden die Deutschen als „Weltmeister der Hilfsbereitschaft“ gefeiert.

          Professor Heinrich August Winkler lehrte Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Soeben von ihm erschienen: Zerreißproben. Deutschland, Europa und der Westen. Interventionen 1990-2015, C. H. Beck, München.

          Deutschland habe sich zu einem „Sehnsuchtsland“ entwickelt, in dem viele leben wollten, hieß es wohlgefällig in einem vielgelesenen Essay eines bekannten Sozialpsychologen. Soll Deutschland sich fortan als moralische Leitnation Europas fühlen und als Großmacht der Werte präsentieren, die den anderen Völkern sagt, was sie tun müssten, um ebenfalls den „Guten“ zugerechnet werden zu können? Soll am geläuterten deutschen Wesen nunmehr, wenn schon nicht die Welt, so doch Europa genesen?

          Westdeutschland lernte nach 1945 aus der Geschichte

          Dem neuen deutschen Selbstbewusstsein haftet etwas eigentümlich Verstiegenes an. Eine Neigung, von einem Extrem ins andere zu fallen, konnte man indes schon in der Spätphase der alten Bundesrepublik beobachten. 1988 schrieb Oskar Lafontaine, damals noch sozialdemokratischer Ministerpräsident des Saarlandes, in seinem Buch „Die Gesellschaft der Zukunft“, gerade „weil wir Deutschen mit einem pervertierten Nationalismus schrecklichste Erfahrungen“ gemacht hätten, seien wir jetzt „geradezu prädestiniert, die treibende Rolle in dem Prozess der supranationalen Vereinigung Europas zu übernehmen“.

          Von der Perversion zur Prädestination: Die dialektische Volte Lafontaines mutet wie eine weltliche Variante der frühchristlichen Lehre von der „felix culpa“ an, der Lehre von der seligen, weil heilsnotwendigen Schuld. Dass solche Bekenntnisse zu einer neuen deutschen Sendung auch außerhalb Deutschlands zur Kenntnis genommen wurden, ist unwahrscheinlich. Andernfalls wäre schon damals die Frage gestellt worden, ob wir Deutschen angesichts unserer Geschichte nicht gut daran täten, ein wenig bescheidener und demütiger aufzutreten.

          Der westliche Teil Deutschlands hatte nach 1945 die Möglichkeit, in selbstbestimmter Freiheit aus der Geschichte zu lernen. Als 1948/49 die Delegierten der westdeutschen Landtage im Parlamentarischen Rat in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erarbeiteten, nutzten sie diese Chance.

          Sie schufen eine funktionstüchtige, abwehrbereite parlamentarische Demokratie, die sich zur Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen bekannte. Die Grundrechte sind, anders als in der Weimarer Reichsverfassung von 1919, unmittelbar geltendes Recht. Sie binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar. Das gilt auch für das Grundrecht auf politisches Asyl.

          Das Asylrecht ist ein vorstaatliches Menschenrecht. Nur in wenigen Staaten ist es, wie in Deutschland, ein von der Verfassung gewährleistetes, individuelles Grundrecht. In dem Satz des jetzigen Artikels 16a „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ schlägt sich die Erfahrung der deutschen Emigration in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur nieder.

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