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Franziskus : Papst nimmt Flüchtlinge aus Lesbos mit

  • -Aktualisiert am

Papst Franziskus (Mitte) gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus I. (links) und dem Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, Hieronymus II. Bild: Reuters

Papst Franziskus erinnert bei seinem Besuch im Flüchtlingslager auf Lesbos an die vielen im Meer Ertrunkenen. Für ein paar Migranten hat er auch eine frohe Botschaft.

          Papst Franziskus hat für fast jeden Flüchtling im Lager Moria auf Lesbos einen Händedruck und eine freundliche Geste, ein offenes Ohr, einen Kuss für das Baby; und wenn einer der Flüchtlinge sich auf den Boden wirft und vor Rührung weint, hilft ihm Franziskus wieder auf. Er ist als Sohn italienischer Flüchtlinge aus Argentinien Nachfahre von Migranten. Erst sind es einige Dutzend Jugendliche, die ohne elterliche Begleitung aus ihrer Heimat flohen; dann folgen ungezählte Hände von Kindern und Männern, während sich manche Muslima nicht traut, den Papst per Handschlag zu begrüßen, und nur eine scheue Verbeugung macht.

          Mitten während dieser endlosen Reihe dreht sich der Papst plötzlich um und spricht mit seinen Begleitern. Das mag der Moment gewesen sein, bei dem er seinen Wunsch bekräftigt, einige besonders bedürftige Flüchtlinge mit sich wieder zurück nach Rom zu nehmen. Die Laiengemeinschaft Sant´Egidio und die Caritas halten auf Bitten des Papstes schon ein Haus für Flüchtlinge nahe beim Vatikan in Rom vor; aber es gibt gewiss noch mehr Platz in der ewigen Stadt. „Du bist unsere letzte Hoffnung“, liest der Papst auf Transparenten. „Hilf!“ Franziskus steht nicht im Ruf nur zu predigen, was er für richtig hält.

          Später, als der Papst zusammen mit Flüchtlingen und seinen Begleitern, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus I. und dem Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, Hieronymus II. in einem Container zu Mittag isst, berichtet als erstes der griechische Staatssender Ert, Flüchtlingsbetreuer würden per Los aus der „besonders verletzten Gruppe“ der Migranten, die noch vor Inkrafttreten des umstrittenen Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei auf Lesbos eingetroffen seien, drei Familien aus dem offenen Lager Kara Tepe auswählen.

          Ein Besuch nicht nur für Christen

          Papstsprecher Federico Lombardi will dies in jenem Moment noch nicht bestätigen; aber auch in Rom heißt es mittlerweile, die katholische Laiengemeinschaft Sant´Egidio habe mit Hilfe der italienischen Regierung eine entsprechende Vereinbarung ausgehandelt. Sant`Egidio betreibt seit einiger Zeit gemeinsam mit den evangelischen Kirchen Italiens einen humanitären Korridor, auf dem Migranten aus jordanischen Lagern nach Rom gebracht werden, nachdem sie in Beirut ausgewählt und identifiziert wurden

          Sichtlich bewegt den Papst das Treffen mit den Menschen, die ihm alle ihr Leid aus der Heimat berichten wollen. Während er zu Beginn noch beim Handschlag mit den Jugendlichen fröhlich lachte,verdüstert sich seine Miene zunehmend. Es scheint ihm auch nicht recht zu sein, wenn der eine oder andere Migrant darauf hinweist, dass auch er ein Christ sei. Dieser Besuch soll nach seiner Auffassung allen Flüchtlingen dienen, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit. Aber als eine Familie um ein Andenken für diesen denkwürdigen Besuch des Papstes im Lager Moria bittet, dessen Namen an den Berg im Heiligen Land erinnert, auf dem einst Gott Abraham aufforderte, seinen Sohn zu opfern, erhält sie einen Rosenkranz zum Gebet.

          „Ich wollte bei euch sein“, sagt der Papst wenig später, „und euch sagen, dass ihr nicht allein seid.“ Etwa 3000 Menschen leben in dem von Menschenrechtsgruppen als nicht gerade hygienisch vorbildlich bezeichneten Lager, das an diesem Tag militärisch abgeriegelt ist, und in das nur eine kleine Schar von Vatikanjournalisten Zutritt erhält. In seiner Rede vor den Flüchtlingen ruft der Papst zu mehr internationaler Solidarität auf. Er wolle „die Aufmerksamkeit der Welt auf diese schwere humanitäre Flüchtlingskrise lenken und von ihr eine Lösung erflehen.“ Gott habe die Menschheit so geschaffen, dass sie eine einzige Familie bilden sollte. „Wenn irgendeiner unserer Brüder und Schwestern leidet, dann sind wir alle davon betroffen.“  

          Das Meer als Friedhof

          Leider wisse man aber aus Erfahrung, sagt der Papst weiter, wie leicht es einigen fällt, vom Leiden der anderen keine Notiz zu nehmen oder sogar ihre Verwundbarkeit – als Schlepper oder Betrüger – auszunutzen. „Aber verliert eure Hoffnung nicht“, denn wir wissen auch, dass diese „Krisen unser Bestes zu Tage fördern können“. Das zeige derzeit das griechische Volk, „das inmitten seiner eigenen Schwierigkeiten großherzig auf eure Not eingeht“, sagt der Papst weiter. Schon vor dieser Rede hatte er dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras gedankt, der ihn bei seiner Landung im Hauptort der Insel, in Mitilene empfangen hatte.

          Für den Papst, der sich schon im Sommer 2013 kurz nach seiner Wahl auf der süditalienischen Insel Lampedusa vergeblich für das Leid der Flüchtlinge eingesetzt und den Tod vieler im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge betrauert hatte, erlebt die Welt derzeit „die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie er auf seinem Flug von Rom nach Lesbos gesagt hatte. „Dies ist eine traurige Reise“; auch weil man zu einem Friedhof gehe, zum Meer, in dem so viele ertranken. Als die drei Kirchenführer jeweils einen Kranz ins Wasser warfen, beteten sie. „Barmherziger Gott und Vater aller, wecke uns auf aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit.“

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